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	<title>blogmanufaktur &#187; Short Stories</title>
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		<title>Daten lügen nicht</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Nov 2007 10:22:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>D. Petereit</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8220;Papa, mi mötte Johku.&#8221; Seine Jüngste zupft an ihm. Sie kann trotz ihrer bloß eineinhalb Jahre schon so viel sprechen. Diese Erkenntnis erfüllt ihn stets aufs neue mit Stolz. Gut, man braucht eine große Portion Fantasie, um letztlich zu verstehen, &#8230; <a href="http://www.blogmanufaktur.de/2007/11/15/daten-luegen-nicht/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!--:en--><span style="font-weight: bold" zid="13"></span><img src="http://farm3.static.flickr.com/2310/2031248581_386ab4d88e_m.jpg" zid="46" alt="Fotoquelle: www.pixelio.de / genox)" align="left" border="0" height="116" hspace="10" vspace="10" width="174" />&#8220;Papa, mi mötte Johku.&#8221; Seine Jüngste zupft an ihm. Sie kann trotz ihrer bloß eineinhalb Jahre schon so viel sprechen. Diese Erkenntnis erfüllt ihn stets aufs neue mit Stolz. Gut, man braucht eine große Portion Fantasie, um letztlich zu verstehen, was gemeint ist, aber dennoch. Er fischt einen Erdbeer-Joghurt aus dem Kühlschrank, ihre Lieblingssorte. Nach kurzer Zeit ist sie Joghurtverschmiert, ihr Pullover reif für die Wäsche.<br zid="3" /><br zid="4" />Es klingelt an der Tür. Seine Frau kommt mit den beiden älteren Kindern nach Hause. Seine Tochter ist vor kurzem zwölf Jahre alt geworden. Das &#8220;schwierige&#8221; Alter hat begonnen, sagt seine Frau. Ihm ist allerdings außer ein wenig Gezicke noch nichts wesentliches aufgefallen. Sein Zehnjähriger macht ihm da schon mehr Sorgen, denn dieser ist völlig in sich gekehrt und benimmt sich, zumindest nach väterlichen Maßstäben, nicht eben wie ein &#8220;echter&#8221; Junge. Schon oft hat er versucht, in Gesprächen in ihn zu dringen, um eventuelle Probleme, etwa militante Mitschüler aufzudecken. Angeblich ist alles in Ordnung.<br zid="5" /><br zid="6" /><!--:--><span id="more-1119"></span><!--:en-->Das gemeinsame Mittagessen ist eine heilige Institution für ihn. So schwierig es auch manchmal ist, versuchen er und seine Frau doch jeden Mittag einen gemeinsamen Familientisch zu organisieren. Wenn alle Fünf am Tisch sitzen, ist die Welt in Ordnung. Spontan werden die Dinge des Tages besprochen. <br zid="7" /><br zid="8" />Es klingelt erneut an der Tür. Immer das Gleiche. Kaum sitzt man am Mittagstisch, klingelt entweder das Telefon oder der Türgong. &#8220;Ich geh schon&#8221; sagt er und erhebt sich langsam. Es klingelt Sturm. &#8220;Meine Güte. Was soll das denn? Da hat&#8217;s aber einer fürchterlich eilig.&#8221; Er erhöht das Tempo und begibt sich zur Haustür.<br zid="9" /><br zid="10" />&#8220;Sind Sie Lars Schulze?&#8221; Ein überheblicher Typ in schlecht sitzenden Klamotten ranzt ihn an. Hinter ihm stehen mindestens fünf weitere Personen. Er sagt &#8220;Ja. Wieso?&#8221; als ihn der Wortführer der Gruppe zur Seite schiebt und sich eine gefühlte Hundertschaft in seinen Flur ergießt. &#8220;Mein Name ist Hauptkommissar Meier und ich habe hier einen Durchsuchungsbefehl.&#8221; Der Mann in den schlecht sitzenden Klamotten hält ihm ein Stück Papier unter die Nase, während die übrigen Personen, bei denen es sich offensichtlich um Polizisten handelt, beginnen, seine Wohnung auf den Kopf zu stellen.<br zid="11" /><br zid="12" />&#8220;Was suchen Sie hier? Wem werfen Sie was vor?&#8221; Er versucht, seine Kenntnisse aus den unzähligen angeschauten Tatort-Folgen zu aktivieren, während seine Gedanken sich um sich selbst kreisen. &#8216;Was wollen die? Wer hat hier Mist gebaut? Handelt es sich um ein Versehen?&#8217; Er kommt zu keinem Ergebnis. Meier verkündet: &#8220;Wir sind Ihretwegen hier. Erzählen Sie mir nicht, Sie wüssten nicht, was wir von Ihnen wollen.&#8221;<br zid="16" /> <br zid="14" /> Die Polizisten haben das Esszimmer erreicht. Seine Frau protestiert lautstark gegen die Invasionstruppen. Wutschnaubend stellt sie sich neben ihn. &#8220;Würden Sie uns bitte erklären, was diese Veranstaltung soll? Sie erschrecken unsere Kinder!&#8221; Sie hat den Satz kaum beendet, als zwei Damen in Zivil den Flur betreten und sich als Mitarbeiterinnen des Jugendamtes ausweisen. &#8220;Wo befinden sich die Kinder?&#8221; fragt eine der Damen den Hauptkommissar. Er antwortet mit einer Kopfbewegung in Richtung Esszimmer. &#8220;Was soll das? Wozu wollen Sie wissen, wo unsere Kinder sind?&#8221; Seine Frau schreit fast. Eine existenzielle Angst macht sich in ihm breit. Irgendwas läuft hier mächtig schief.<br zid="17" /> <br zid="18" /> Seine Frau stellt sich den Jugendamtsmitarbeiterinnen in den Weg. &#8220;Ich will wissen, was hier läuft. Vorher geht es für Sie nicht weiter!&#8221; Mit einem tiefen Seufzer schaltet sich Hauptkommissar Meier ein. &#8220;Frau Schulze. Ihre Kinder werden vorerst in die Obhut des Jugendamtes gegeben. Ihr Sorgerecht ist Ihnen einstweilen gerichtlich entzogen. Ich habe hier einen Haftbefehl gegen Ihren Mann. Ihm wird vorgeworfen, ein führendes Mitglied des bisher größten entdeckten europäischen Kinderpornografienetzwerks zu sein. Wir können ihm nachweisen, Bilder und Videos mit schwersten sexuellen Kindesmisshandlungen selbst in Umlauf gebracht und auch von anderen bezogen zu haben. Ich musste mir Teile des Beweismateriales ansehen und wenn Sie meine persönliche Meinung erlauben: Ihr Mann ist eines der größten Schweine, das mir je zwischen die Finger gekommen ist. Sie können von Glück reden, dass wir in einem Rechtsstaat leben.&#8221;<br zid="19" /> <br zid="20" /> Er steht neben sich. Er hat zwar gehört, was Meier da sagte, aber das kann doch unmöglich ihn betroffen haben. Er spürt einen eiskalten Blick. Seine Frau ist von ihm abgerückt: &#8220;Stimmt das?&#8221; &#8220;Natürlich nicht! Wie kannst Du das glauben. Ich liebe Kinder, ich hasse doch schon Leute, die bloß grob mit ihren Kindern reden. Niemals könnte ich einem Kind etwas antun. Niemals! Das ist alles ein Irrtum, ein furchtbares Versehen.&#8221; Weinend muss er zusehen, wie seine offensichtlich schockierten Kinder aus dem Haus gebracht werden. Seine Frau erleidet fast einen Nervenzusammenbruch: &#8220;Was hast Du uns angetan? WAS?!&#8221;</p>
<p>&#8220;Kommen Sie jetzt. Wir müssen gehen.&#8221; Meier packt seinen Arm. Auf dem Weg zum Polizeiwagen sieht er, wie Beamte seine Computer in einen Kleintransporter verladen. &#8220;Ganz schön viele Computer haben Sie da,&#8221; raunt der Kommissar ihm zu. &#8220;Hören Sie, ich bin erstens Informatiker und zweitens sind Computer mein Hobby.&#8221; &#8220;Ich weiß,&#8221; Meier grinst süffisant.<br zid="23" /> <br zid="25" /> Auf dem Revier werden ihm in Anwesenheit seines Anwalts endlose Datenübertragungsprotokolle vorgelegt. Lückenlos belegen die Beamten seine pädophilen Abenteuer im Cyberspace. Die Beweislast ist erdrückend. &#8220;Und das sind nur die Transaktionen des letzten halben Jahres. Mehr haben wir ja aufgrund der Beschränkungen des Gesetzes zur Vorratsdatenspeicherung nicht zur Verfügung. Wer weiß, wie lange Ihr feiner Mandant das schon abzieht!&#8221; Hauptkommissar Meier schäumt vor Wut.<br zid="26" /> <br zid="27" /> Sein Anwalt bittet um ein Vieraugengespräch. Als die Beamten den Raum verlassen haben, sagt er: &#8220;Herr Schulze. Aus dieser Nummer kommen Sie nicht heraus. Bekennen Sie sich schuldig, dann werde ich versuchen, einen Handel mit dem Staatsanwalt hin zu bekommen. In spätestens zwei Jahren sind Sie wieder draußen. Damit wären Sie im Rahmen der Mindeststrafen weg gekommen und außerordentlich gut bedient!&#8221; &#8220;Was heißt hier &#8220;gut bedient&#8221;? Ich habe nichts dergleichen getan. Ich bin vollkommen unschuldig. Das ist ein Irrtum, ein IRRTUM!&#8221; &#8220;Herr Schulze. Daten lügen nicht!&#8221;<br zid="28" /> <br zid="29" /> Die Tage vergehen. Das &#8220;Computerschwein&#8221; ist Gesprächsthema Nummer Eins im Städtchen. &#8220;Der Schulze, dieser Computerfreak. Der war mir schon immer verdächtig.&#8221; &#8220;Jetzt weiß man auch, was der mit seinen Computern so gemacht hat, die Sau.&#8221; &#8220;Diese Computertypen haben doch alle einen an der Waffel.&#8221; &#8220;Die arme Frau. Ob die gewusst hat, mit was für einem Abschaum sie da verheiratet ist?&#8221; &#8220;Weiß man schon, ob er sich an seinen eigenen Kindern auch vergriffen hat?&#8221; &#8220;Bestimmt hat der nur so viele Kinder, damit er ordentlich was zu filmen hat, dieses Dreckschwein. Aufhängen sollte man den!&#8221; &#8220;Die arme Frau? Bestimmt hatte die da auch was mit zu tun. Sowas merkt man doch.&#8221; &#8220;Besonders der Sohn soll wohl betroffen sein. Der kam mir schon immer so still vor. So, als würde ihn etwas bedrücken.&#8221; <br zid="30" /> <br zid="31" /> Psychologische Gutachten über seine Kinder werden erstellt. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass es zu Übergriffen gekommen sei. Man könne zwar keine definitive positive Aussage erteilen, aber bei Kindern seien Verdrängungsstrategien sehr ausgeprägt. Für die Wahrscheinlichkeit sexueller Übergriffe sprächen jedoch sowohl das vorliegende Datenmaterial aus der Vorratsspeicherung, wie auch die Gemütszustände der beiden älteren Kinder. Speziell der Sohn weise eine tiefe Traurigkeit auf, die sich nicht nur aus der Abwesenheit seiner Eltern erklären ließe. Recherchen im Umfeld hätten ergeben, dass der Sohn schon seit längerer Zeit einen schwer bedrückten Eindruck machte. Und so weiter und so fort. Sein Anwalt liest ihm die wesentlichen Auszüge vor.<br zid="32" /> <br zid="33" /> Zwei Tage später erhält er ein anwaltliches Schreiben. Seine Frau hat die Scheidung eingereicht. Sie war in den ersten Tagen noch regelmäßig zu Besuch gekommen. Seit der Vorlage der Gutachten jedoch, hatte er nichts mehr von ihr gehört. Am Nachmittag besucht ihn seine Mutter. &#8220;Junge, egal was Du getan hast. Du bist und bleibst mein Sohn.&#8221; &#8220;Mutter, das ist alles ein Irrtum. Ich&#8230;&#8221; &#8220;Ist schon gut. Erklär es mir nicht. Ich habe gestern mit Deiner Frau telefoniert. Sie will keinen Kontakt mehr zu uns und zieht nach Süddeutschland. Die Meeresluft hat ihr ja ohnehin immer Probleme bereitet. Ist halt ein Reizklima. Sie versucht, das Sorgerecht für die Kinder zurück zu bekommen und hält es für das Beste, sich möglichst weit von den Geschehnissen zu entfernen. Sie glaubt, dass das ihre Chancen erhöht. Jeder glaubt das.&#8221;<br zid="34" /> <br zid="35" /> Am Abend sieht er im Fernsehen eine Sondersendung mit ihm als Hauptperson. Er wird als eine Art deutscher Marc Dutroux bezeichnet. Fleißig wird spekuliert, wer noch alles zu seinem Netzwerk gehören könnte. Ein Wärter schiebt ihm ein Exemplar der Bildzeitung durch den Türschlitz. Er blickt auf den Aufmacher. &#8220;Wurde sie auch missbraucht?!&#8221; steht da in den bekannt großen Lettern, die das Boulevardblatt benutzt, um nicht so viel Text auf einer Seite liefern zu müssen. Entsetzt schaut er seiner ältesten Tochter in die mit einem schwarzen Balken leicht kaschierten Augen. Offensichtlich machen die Fotoreporter jetzt auch noch Jagd auf seine Kinder.<br zid="36" /> <br zid="37" /> In dieser Nacht reißt er unter Tränen, aber seelenruhig sein Bettlaken in Streifen, knotet es ordentlich zusammen und erhängt sich daran. Der Wärter, der am frühen Morgen durch den Türschlitz späht, beschließt, zunächst keine Meldung zu machen. Er murmelt halblaut &#8220;Erst muss das Schwein wirklich tot sein&#8221; und spuckt geräuschvoll auf den Betonboden. Einige Stunden später fertigt der Gefängnisarzt den Totenschein aus.<br zid="44" /> <br zid="45" /> &#8212;&#8211;<br zid="38" /> <br zid="39" /> Fast ein Jahr später geriet das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung unvermittelt in die öffentliche Kritik. Mehrere Betroffene von Strafverfolgungsmaßnahmen auf der Grundlage der Vorratsspeicherung hatten sich offensiv an die Medien gewandt. &#8220;Klar ist doch, dass jeder Beschuldigte stets seine eigene Unschuld behauptet!&#8221; versuchte Innenminister Schäuble in gewohnter Manier jegliche Kritik abzubügeln. Glücklicherweise ließ sich eine Handvoll Journalisten nicht von eigenen Recherchen abhalten. Es erschien ihnen in der Häufung der unterschiedlichen Fälle ein Indiz für eine eventuelle Fehlfunktion des Protokollsystems zu liegen. <br zid="40" /> <br zid="41" /> Tatsächlich stellte sich heraus, dass es etliche Fälle gegeben hatte, in denen die gespeicherten Daten aufgrund technischer Fehler mit falschen Anschlüssen in Verbindung gebracht wurden. In einem Artikel für ein deutsches Nachrichtenmagazin stellten die Journalisten ausführlich ihre Rechercheergebnisse vor und veröffentlichten eine Liste mit den Namen zu Unrecht beschuldigter Personen. <br zid="42" /> <br zid="43" /> Auf der Liste fand sich auch der Name Lars S.<!--:--></p>
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		<title>Flug DE 3894</title>
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		<pubDate>Fri, 21 Sep 2007 22:40:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>D. Petereit</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8220;Beeilt Euch Kinder! In einer halben Stunde kommt das Taxi, das uns zum Flughafen bringt. Und Ihr seid nicht mal fertig angezogen. Gegessen habt Ihr auch noch nichts. Immer das Gleiche. Wenn Ihr schnell machen sollt, werdet Ihr unendlich langsam!&#8221; &#8230; <a href="http://www.blogmanufaktur.de/2007/09/22/flug-de-3894/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!--:en-->&#8220;Beeilt Euch Kinder! In einer halben Stunde kommt das Taxi, das uns zum Flughafen bringt. Und Ihr seid nicht mal fertig angezogen. Gegessen habt Ihr auch noch nichts. Immer das Gleiche. Wenn Ihr schnell machen sollt, werdet Ihr unendlich langsam!&#8221;</p>
<p>Sie weiß, dass ihre Worte die Kids sowieso nicht erreichen, jedenfalls nicht wirklich, aber sie muss sprechen, um ihre eigene Aufgeregtheit zu kanalisieren. Sie kann es kaum erwarten in dieses verdammte Flugzeug zu steigen und zweieinhalb Stunden später ihren Mann zu umarmen. So ein Dasein als einsame Alleinerziehende ist auf Dauer nichts für sie. Gut, dass das bald ein Ende hat. Nach dem Urlaub wird ihr Mann wieder mit nach Deutschland fliegen.</p>
<p><!--:--><span id="more-1061"></span><!--:en-->Manchmal hat sie schon an ihm gezweifelt. Was treibt er wohl den ganzen Tag und vor allem die ganze Nacht? Und dann noch auf so einer schicken Insel bei schönem Wetter und einem bekanntermaßen regen Nachtleben. Aber er hat sie jeden Abend angerufen, sich nach den Kindern und ihr erkundigt und all ihre kleinen und großen Sorgen aus der Ferne mit ihr geteilt. Eigentlich ist sie sicher, dass er ihr treu geblieben ist. Er hat auch immer so erschöpft, beinahe unglücklich geklungen. Dieses Softwareprojekt scheint ihm schwer zu schaffen zu machen. Obschon er ihr fast nichts davon erzählen durfte, ist sie überzeugt davon, dass ihr Mann irgendeinen inneren Konflikt austrägt, der mit dem Projekt zusammenhängen muss. Sei´s drum. Es ist vorbei. Jetzt ist Urlaub angesagt und dann geht es gemeinsam wieder heim.</p>
<p>&#8220;Wo bleibt Ihr denn? Ich dachte, Ihr freut Euch so auf Papa. Wollt Ihr den Flug etwa verpassen?&#8221; Ihre Töchter, ihre Wunschkinder, die eine vier, die andere sechs Jahre alt, kommen angerannt. Jedesmal fällt ihr auf, wie ähnlich die beiden ihrem Vater sehen und wie ähnlich sie ihm auch ansonsten sind. Das hat ihr in den letzten Monaten sehr geholfen. So war ein Teil von ihm immer bei ihr. &#8220;Natürlich wollen wir mit. Wir sind auch schon fertig. Wo ist das Taxi?&#8221; Die Kleinere, vorlaut wie immer, schaut sie trotzig an. &#8220;Schön, dass Du fertig bist. Aber glaubst Du nicht, Du solltest auch ein Paar Schuhe anziehen?&#8221; &#8220;Und Du,&#8221; sie schaut ihre Erstgeborene an, &#8220;könntest schon mal Oma anrufen und ihr tschüss sagen. Sie freut sich doch immer so, wenn sie was von Euch hört!&#8221; &#8220;In der Küche stehen übrigens Schnitten. Esst ein paar davon. Wer weiß, wann es wieder was gibt.&#8221; ruft sie ihren Töchtern hinterher.</p>
<p>Auch das noch, denkt sie, ein schwatzhafter Taxifahrer. Dabei wollte sie auf der nahezu einstündigen Fahrt ein bisschen entspannen. Die Kinder spielen friedlich auf dem Rücksitz. Das klappte schon immer perfekt. Gut, dass der Altersunterschied so gering ist, auch wenn die ersten Jahre aus Muttersicht von wegen Nachtruhe und so die Hölle waren. Im Radio laufen die Nachrichten. Um dem Taxifahrer nicht zuhören zu müssen, konzentriert sie sich auf den Radiosprecher. Der erzählt allerdings auch seit Tagen das Gleiche. Verteidigungsminister Jung will Flugzeuge abschießen lassen, wenn diese von Terroristen gekapert und gegen zivile Ziele, wie z.B. Fußballstadien als Bomben eingesetzt werden. Sie wundert sich stets auf´s Neue, warum der Jung jetzt plötzlich mit diesem Thema kommt, sechs Jahre nach der WTC-Katastrophe und ohne konkreten Anlass. Der hat doch sonst immer den Mund gehalten und wenn nicht, dann ging es um uninteressantes Zeug. Sie kann sich nicht erinnern, aus Jungs Mund schon einmal etwas erinnernswertes gehört zu haben. Wichtigtuer, denkt sie, der hat bestimmt Potenzprobleme. Sie muss grinsen.</p>
<p>Der Taxifahrer fühlt sich animiert. &#8220;Finden Sie das etwa witzig, was der Jung da vorhat? Oder warum grinsen Sie so?&#8221; &#8220;Nein, nein. Ich bin in Gedanken. Ganz weit weg.&#8221; Sie fühlt sich unwohl, wie immer, wenn sie lügt. Um das schlechte Gewissen zu vertreiben, beschliesst sie, ein Stück weit auf den Taxifahrer zu zu gehen. &#8220;Was halten Sie denn von der Sache mit den Flugzeugabschüssen?&#8221; fragt sie, ohne im Grunde an der Antwort interessiert zu sein. &#8220;Ich bin dafür!&#8221; Der Taxifahrer scheint zumindest eine klare Meinung zu haben. Sie schaut etwas erstaunt. &#8220;Kommt natürlich drauf an&#8221; beeilt sich der Taxifahrer nachzuschieben. &#8220;Es muss selbstverständlich das letzte Mittel sein. Keine anderen Möglichkeiten mehr und so.&#8221; &#8220;Ja, ist klar!&#8221; Sie findet, sich genügend weit auf den Taxifahrer eingelassen zu haben. So ein Blödsinn überhaupt. Als ob ein deutscher Demokrat jemals wirklich seine eigenen Staatsbürger abschießen würde. Ein Maulheld, dieser Jung. Kleiner Pimmel, würde ihr Mann jetzt sagen. Sie grinst schon wieder.</p>
<p>Aufgrund eines Staus kommen sie recht spät am Flughafen in Düsseldorf an. Ihr Abfertigungsschalter weist eine Schlange auf, die fast bis zum Eingang reicht. Na, das kann ja dauern, denkt sie. Glücklicherweise hat sie Sitzplätze reserviert. Sicherlich würden sie sonst verteilt im Flugzeug sitzen müssen. Segnungen der modernen Technik. Noch vor gut zehn Jahren wurde mit kleinen Aufklebern anstelle von IT-Systemen gearbeitet. Ihr Mann, der beste Informatiker der Welt, gehört zu den Helden dieses Zeitalters. Natürlich weiß sie, dass er ganz andere Software als Buchungssysteme entwickelt. Na und? Buchungssysteme gibt&#8217;s ja auch schon.</p>
<p>Ihre Mädchen rennen durch die Halle. Über eine Stunde Taxi fahren hat ihren Bewegungsdrang ins Unermessliche wachsen lassen. Glücklicherweise ist nicht Hauptflugverkehrszeit. Außer dem Check-In für DE 3894 sind kaum Schalter aktiv. So kann sie ihre Kinder beruhigt toben lassen. Unmittelbar vor ihr in der Schlange stehen drei ungewöhnliche Typen. Sie sprechen irgendeinen Kauderwelsch mit vielen ach- und och-Lauten drin. Könnte Arabisch sein, denkt sie. Allerdings passt die Optik der drei Herren nur eingeschränkt. Zwei der drei machen einen eher nordischen Eindruck. Sie scheinen locker drauf zu sein. Nette Kerle eben. Sie hat noch nie Probleme mit Ausländern gehabt. Klar, es gibt da auch unfreundliche Zetgenossen, aber die gibt es auch in reinrassig deutsch. Leben und leben lassen ist seit jeher ihr Motto und bislang ist sie gut damit gefahren.</p>
<p>&#8220;Gate I 11&#8243; verfügt die Flughafenbedienstete knapp und reicht ihr die Bordkarten. Sie werden alle in einer Reihe sitzen. Die Vierjährige darf während des Starts, die Sechsjährige während der Landung am Fenster sitzen. So haben die beiden das bereits vor Wochen untereinander vereinbart. Sie selbst wird am Gang sitzen. Der Airbus A 320 bietet zwei gegenüberliegende Reihen von je drei Sitzen. Sie sitzt gern am Gang. Da kann man auch mal das Bein ausstrecken, ist näher an der Stewardess und die Kids können, wenn überhaupt, dann relativ unbehelligt schlafen, mit ihr als Schutzschild.</p>
<p>Auf der anderen Seite des Ganges nehmen die drei Herren Platz, die schon in der Schlange vor ihr gestanden hatten. Scherzend machen sie es sich gemütlich. Ihr Handgepäck stellen sie vor ihren Sitzen ab. Einer grinst freundlich herüber. Es ist einer der nordischen Typen. &#8220;Ihre Mädchen fliegen wohl öfter? Die sind ja total routiniert!&#8221; spricht er sie in perfektem Deutsch an. &#8220;Ja, schon seit ihrer Geburt eigentlich. Wir mögen die Sonne!&#8221; Sie lächelt unsicher. Hoffentlich keiner dieser Aufreißer. Meist muss man diesen Typen recht schnell recht unmissverständlich begegnen. Das könnte die nächsten zwei Stunden unnötig belasten. Sie beschließt, eine freundliche Distanziertheit an den Tag zu legen. Der Norde lässt es allerdings von sich aus auf sich beruhen. Gut.</p>
<p>Es ist bei jedem Start so. Sie fragt sich, warum &#8211; um Himmels Willen &#8211; sie in dieses fliegende Stück Metall eingestiegen ist. Natürlich kennt sie die Statistik. Fliegen ist die sicherste Art zu reisen. Ihre Angst ist irrational. Andererseits sterben bei so einem Flugzeugabsturz immer gleich soviele Menschen, da müssen schon etliche Autos ineinander krachen. Nach dem Start, mit dem Erreichen der Reiseflughöhe wird sie sich wieder beruhigt haben. Es ist schließlich bei jedem Start so.</p>
<p>Diesmal jedoch ist alles anders. Die Maschine hat kaum die Landebahn verlassen, als die drei Herren synchron in ihrem Handgepäck zu kramen beginnen. Sie geben sich gegenseitig kleine Gegenstände, die sie wie in einem Puzzle zusammenstecken. Es dauert einige Minuten, bis sie erkennt, dass die freundlichen Herren anscheinend überdimensionale Messer basteln. Das Material sieht ein bisschen aus wie Porzellan. Könnten das Keramikwaffen sein? Die gingen unbehelligt durch den X-Ray, hat sie jedenfalls schon mal gehört. Dazu kommt noch, dass keiner der Drei ein vollständiges Set in seinem Handgepäck hatte. Wie sollte das Sicherheitspersonal sowas finden? Sie wundert sich, dass sie keine Angst empfindet. Müsste Sie das nicht, als ordentliche Mutter? Ach was, das ist völlig surreal. Wer weiß, was die da wirklich basteln. Messer. Das ist doch absurd!</p>
<p>Leider irrt sie sich nicht. Etwa zehn Minuten nach dem Start springen die vormals freundlichen Fremdsprachler aus ihren Sitzen. Eine Stewardess eilt herbei, um auf die Gurtpflicht zu verweisen. Sie halten ihr ihre Messer unter die Nase und verlangen, ins Cockpit gebracht zu werden. Die drei verschwinden mit der Flugbegleiterin nach vorn.</p>
<p>Umgehend verbreitet sich Unruhe unter den Augenzeugen des Vorfalls. Erinnerungen an 9/11 werden wach. Das Flugzeug ist vollbesetzt. Die Nachricht über den bewaffneten Zwischenfall verbreitet sich von Reihe zu Reihe. Unter den 180 Passagieren befinden sich Ärzte, Rechtsanwälte, Richter, Unternehmer, Industriemeister, Versicherungsmakler, Polizisten, Soldaten; ein Querschnitt des Mittelstands im Disaster vereint. Zwei der drei Entführer kommen aus dem Cockpit zurück in den Fahrgastraum und positionieren sich jeweils strategisch günstig, um soviele Passagiere wie möglich in Schach zu halten.</p>
<p>Einer der nordischen Typen, der gleiche, der sie nach ihren Kindern gefragt hatte, ergreift das Wort. &#8220;Euch passiert nichts, wenn Eure Regierung unsere Forderungen erfüllt. Wir sind keine Barbaren. Wir beabsichtigen nicht, Euch zu töten. Natürlich werden wir das dennoch tun, wenn uns keine andere Wahl bleibt. Verhaltet Euch einstweilen ruhig. Dann habt ihr nichts zu befürchten. Die besonders Mutigen unter Euch mögen bedenken, dass wir im Frachtraum erhebliche Mengen Plastiksprengstoff deponiert haben, die wir mit einem Handy jederzeit zur Explosion bringen können. Es dürfte klar sein, was dann passiert!&#8221; Er ruft dem zweiten Entführer etwas in der Fremdsprache mit den vielen ch zu. Es klingt wie ein Befehl.</p>
<p>&#8220;Mama, was machen die Männer denn da? Warum setzen die sich nicht? Haben die Durchfall?&#8221; Ihre Vierjährige kennt das Gefühl, nicht sitzen zu können, nur zu gut. Hat sie doch eben erst einen Magen-Darm-Infekt hinter sich gelassen. &#8220;Vermutlich.&#8221; antwortet sie. Sie weiß nicht, ob es sinnvoll wäre, ihren Mädchen die Wahrheit darüber zu erzählen, was hier gerade passiert. Sie beschließt, es nicht zu tun. &#8220;Macht Euch keine Gedanken. Sollen sie doch stehen, wenn sie wollen.&#8221;</p>
<p>Es vergehen lange Minuten. Keiner spricht, keiner bewegt sich. Jedenfalls kommt es ihr so vor. Es müssen sicher schon zwanzig Minuten vergangen sein. Sie traut sich nicht, auf ihre Armbanduhr zu schauen. Bloß keine Aufmerksamkeit erregen.</p>
<p>Plötzlich gerät Bewegung in die Maschine. Gut dreißig Männer stehen nahezu gleichzeitig aus ihren Sitzen auf und bewegen sich auf die bewaffneten Entführer zu. Manche der Fluggäste sind bewaffnet mit Büchern, Schirmen, Videokameras oder anderen zur Not als Schlaggegenstände nutzbaren Gepäckteilen. Die Entführer schaffen es, einige der Angreifer zu verletzen, sind aber letztlich der Masse der Angreifer nicht gewachsen. Als weitere Fluggäste erkennen, dass der Sieg über die Entführer nicht unmöglich erscheint, stehen auch sie auf und beteiligen sich an dem Handgemenge.</p>
<p>Nach kurzer Zeit sind die beiden Entführer überwältigt. Ein Passagier beugt sich zu ihr hinunter und sagt: &#8220;Jetzt müssen wir nur noch den Kerl aus dem Cockpit erledigen. Das ist einer gegen 180.&#8221; Er grinst dabei. &#8220;Dann können wir in Ruhe weiterfliegen.&#8221; Er klingt zuversichtlich und überzeugt von seiner Aussage. Tatsächlich. Wieso sollten 180 nicht einen überwältigen können? Okay, der Einzelne muss todmutig sein, aber stirbt man anderenfalls nicht ohnehin?</p>
<p>&#8220;Schau mal, Mama! Flugzeuge. Ganz nah!&#8221; Ihre Sechsjährige zeigt nach draußen. Tatsächlich. Zwei Kampfflugzeuge der deutschen Luftwaffe scheinen den Flug DE 3894 zu eskortieren. Sie ist beruhigt. &#8220;Boah, sind die schnell! Guck mal!&#8221; Die Bundeswehrjets fliegen eine radikale Wende und bewegen sich jetzt auf den Airbus zu.</p>
<p>Was machen die da, fragt sie sich. &#8220;Die kommen immer näher!&#8221; Ihre Töchter sind fasziniert. Das Letzte, was sie sieht, sind zwei zuckende Blitze unter den Tragflächen des einen Kampfjets. Intuitiv erfasst sie, was jetzt passieren wird. Aber, das sind doch unsere Freunde, denkt sie noch.</p>
<p>Dann explodiert ihre Welt&#8230;</p>
<p>&#8212;<br />
<sub>[Diese Geschichte ist das Gegenstück  zu <a href="http://www.blogmanufaktur.de/2007/09/18/gewissensfragen/">"Gewissensfragen" </a>und bietet eine Sicht auf die "andere" Seite]</sub><sub></sub><!--:--></p>
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		<title>Gewissensfragen</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Sep 2007 16:54:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>D. Petereit</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltägliches]]></category>
		<category><![CDATA[Featured]]></category>
		<category><![CDATA[Politik/Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Short Stories]]></category>

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		<description><![CDATA[Unter seinen Füßen spürt er die angenehme Wärme von der Sonne aufgeheizter Felsen. Der Himmel beginnt sich zu färben, am Strand sind kaum noch Menschen. Wie immer, wenn er nah am Abgrund steht, fragt er sich, wieso in diesem Land, &#8230; <a href="http://www.blogmanufaktur.de/2007/09/18/gewissensfragen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!--:en--><span style="font-weight: bold"></span>Unter seinen Füßen spürt er die angenehme Wärme von der Sonne aufgeheizter Felsen. Der Himmel beginnt sich zu färben, am Strand sind kaum noch Menschen. Wie immer, wenn er nah am Abgrund steht, fragt er sich, wieso in diesem Land, in dem es keine Sicherungspflicht wie in Deutschland gibt, dennoch nie einer abstürzt. Ein Gedanke, der ihn jedesmal schwermütig ob der Regelungsdichte der gründlichen Deutschen werden lässt.</p>
<p>Bis zu seinem nächsten Termin, DEM Termin des Tages, am Flughafen ist noch Zeit und so beschließt er, zum Strand hinab zu klettern und an der Wasserlinie einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Ein laues Lüftchen umspielt seine Beine. Es ist ein perfekter Tag voller Vorfreude gewesen und wie es aussieht, kann ihm den keiner mehr versauen. Morgen wird er mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Mädchen einen Ausflug an die Nordküste unternehmen. Er freut sich schon darauf, seiner Familie die Insel zu zeigen, die er bereits so lange kennt. Er freut sich auf den Ausdruck kindlichen Staunens im Gesicht seiner Vierjährigen und die Begeisterungsrufe ihrer sechsjährigen Schwester. Der Gedanke befriedigt und schmerzt ihn zugleich.</p>
<p><!--:--><span id="more-1058"></span><!--:en-->Endlich werden sie wieder alle zusammen sein. Wie lange ist es her, seit sie zuletzt Zeit füreinander hatten? Wie lange ist er jetzt schon beruflich auf dieser zwar schönen, aber mangels Bekannter und Verwandter doch sehr einsamen Insel? Seit beinahe sechs Monaten arbeitet er mit den europäischen Partnern unter höchster Geheimhaltungsstufe an einer Software, die eine neue Ära der Überwachungstechnologie einleiten wird. Bundestrojaner? Ha, ein Lachnummer. Ethische Bedenken beschleichen ihn, wie so oft. Er beschließt, sich gedanklich auf die Ankunft seiner Familie zu konzentrieren. Schließlich ist es nun einmal sein Job, Software zu entwickeln, nicht etwa zu beurteilen, ob diese Software überhaupt entwickelt werden sollte.</p>
<p>Möwen kreisen hoch am Himmel und stoßen ihre charakteristischen Schreie aus. Die Wellen streicheln den Strand. In den letzten Tagen hat die Luft gestanden, das Meer sich zu einer Art Badewanne entwickelt. Ideal für meine Kleinen, grinst er bei der Vorstellung, wie seine Kinder vergnügt das Meer durchpflügen und seine Frau und er entspannt von der Liege aus zuschauen können, ohne sich um Strömungen und Wellengang Sorgen machen zu müssen.</p>
<p>Mittlerweile müsste die Maschine bereits in der Luft sein. Er rechnet die Zeit bis zur geschätzten Ankunftszeit aus und beschließt, so langsam zurück zum Auto zu gehen und die einstündige Fahrt zum Flughafen zu beginnen. Dort gibt es ein hervorragendes Restaurant mit Blick auf die Einflugschneise. Er würde seiner Familie bei deren Landung zuwinken.</p>
<p>So eine Klimaanlage ist ein wahrer Segen, denkt er, als er in den aufgeheizten Wagen steigt. Er gibt Gas, eine Staubwolke steigt hinter ihm auf und weht auf&#8217;s Meer hinaus. Aus dem Radio dringen aufgeregte Stimmen. Es ist sehr leise eingestellt und so werden die Stimmen von den Reifengeräuschen auf dem losen Geröll und dem Rauschen der Klimaanlage übertönt.</p>
<p>Nach einer Weile hat sich das Fahrzeug nahezu auf Kühlschrankniveau abgekühlt. Er schaltet die Klimaanlage ab. Himmlische Ruhe, denkt er. Hätte ich doch eine Klimaautomatik gekauft. Die wäre zwar ein bisschen teurer gewesen, aber hätte mir nicht nur die Wahl zwischen Ein oder Aus gelassen. Er mag es generell nicht, wenn er vor klare Alternativen gestellt wird. Seine Frau pflegt ihn damit aufzuziehen. Arbeitest den ganzen Tag mit Null und Eins, kannst Dich aber nicht zu einem klaren Ja oder Nein durchringen. Du bist mir vielleicht ein Informatiker!</p>
<p>Es dauert eine ganze Weile, bis er endlich bewusst Geräusche wahrnimmt. Ärgerlich wegen dieser Störung seiner Gedankenwelt greift er Richtung Radio, um es abzuschalten, als er &#8220;übergesetzlicher Notstand&#8221; und &#8220;Jung übernimmt die Verantwortung&#8221; hört. Meine Güte, denkt er, sind die immer noch nicht durch mit diesem Thema? Ist doch klar, dass man Flugzeuge abschießen muss, wenn man dadurch einen Terroranschlag verhindern kann.</p>
<p>Er will gerade endgültig auf Power Off drücken, als eine offensichtlich aufgeregte Nachrichtensprecherin etwas von &#8220;Katastrophe&#8221;, &#8220;200 Toten&#8221; und &#8220;Flughafen Düsseldorf&#8221; durch den Äther schickt. Ihm wird kalt, als er reflexgesteuert die Lautstärke hochdreht. Er fährt rechts ran und lauscht wie betäubt der Sondersendung seines Lieblingsradiosenders.</p>
<p><em> &#8220;Am heutigen Abend kam es zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik zu einem Militäreinsatz gegen ein ziviles Zielobjekt. Kurz nach dem Start des Condorfluges DE 3894 nach Palma übernahm eine Gruppe Terroristen das Kommando und befahl den Piloten, Kurs auf Berlin zu nehmen. Die untereinander arabisch sprechenden Männer wollten mit dem Airbus A 320 offenbar das aufgrund einer Sondersitzung voll besetzte Reichstagsgebäude angreifen. Nachdem sämtliche Kontaktaufnahmeversuche zwischen den Sicherheitsbehörden und den Entführern gescheitert waren, verfügte Verteidigungsminister Jung den Abschuss des Flugzeuges zum Schutz der Berliner Zivilbevölkerung. Er berief sich dabei auf den übergesetzlichen Notstand und übernahm persönlich die volle Verantwortung für den Abschussbefehl. Kurz darauf stiegen mehrere Abfangjäger der Bundeswehr auf. Nur etwas weniger als eine halbe Stunde nach ihrem Start wurde Flug Condor DE 3894 in der Nähe der Stadt Eisleben abgeschossen. Alle 180 Passagiere der vollbesetzten Maschine kamen dabei ums Leben. Aktuellen Schätzungen zufolge wurden zusätzlich am Boden mindestens zwei Dutzend Menschen von Trümmerteilen erschlagen, sowie etliche Gebäude zerstört.&#8221;<br />
</em><br />
Es war ihm bereits klar gewesen, als er die Kälte im Nacken gespürt hatte. Er würde seine Familie nie wiedersehen. Sie hatten den Flug DE 3894 genommen. Seine Vierjährige hatte ihm die Buchstaben und Zahlen gestern abend telefonisch und voller Stolz darüber, dass sie sich schon sowas kompliziertes merken kann, auf einen Zettel diktiert. Er hatte sie überschwänglich gelobt, beide spürten in diesem Moment das innige Gefühl der Liebe zueinander, welches nur Eltern ihren Kindern und Kindern ihren Eltern gegenüber erlebbar ist. Es ist vorbei. Du wirst sie nie wiedersehen. Der Schock der Erkenntnis macht ihn bewegungsunfähig und zwingt ihn so, der Radiosprecherin weiter zuzuhören.</p>
<p><em> &#8220;Mittlerweile steht fest, dass die Entführer tatsächlich nicht vor hatten, das Flugzeug auf das Reichstagsgebäude zu lenken. In E-Mails, die dem Sender Al-Jazeera unmittelbar nach dem Abschuss zugespielt wurden, kündigten die Entführer an, man wolle den Feind mit den eigenen Waffen schlagen. Der Feind solle die Menschen selber töten, in der Annahme, damit andere schützen zu können. Keiner der Entführer wäre auch nur in der Lage gewesen, ein Passagierflugzeug zu fliegen. Verteidigungsminister Jung erklärte nach Bekanntwerden dieser Informationen seinen sofortigen Rücktritt und wurde zwischenzeitlich in Untersuchungshaft genommen. Der deutsche Bundestag unterbrach seine Sondersitzung und will zur Stunde darüber beraten, wie man künftig der terroristischen Bedrohung in Deutschland begegnen will. Bundeskanzlerin Merkel sprach den Opferfamilien ihr tiefes Mitgefühl aus und versprach unbürokratische Hilfe.&#8221;</em></p>
<p>Den letzten Satz hört er nicht mehr. Der Arzt stellt einige Stunden später Tod durch Herzversagen fest. Er habe wahrscheinlich die Hitze nicht vertragen. Sowas passiert jeden Tag&#8230;</p>
<p><sub>[Update: Wer sich für die Geschehnisse in der entführten Maschine interessiert, <a href="http://www.blogmanufaktur.de/2007/09/22/flug-de-3894/">lese bitte hier weiter</a>!]</sub><!--:--></p>
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