Kategorie-Archiv: Short Stories

Daten lügen nicht

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“Papa, mi mötte Johku.” Seine Jüngste zupft an ihm. Sie kann trotz ihrer bloß eineinhalb Jahre schon so viel sprechen. Diese Erkenntnis erfüllt ihn stets aufs neue mit Stolz. Gut, man braucht eine große Portion Fantasie, um letztlich zu verstehen, was gemeint ist, aber dennoch. Er fischt einen Erdbeer-Joghurt aus dem Kühlschrank, ihre Lieblingssorte. Nach kurzer Zeit ist sie Joghurtverschmiert, ihr Pullover reif für die Wäsche.

Es klingelt an der Tür. Seine Frau kommt mit den beiden älteren Kindern nach Hause. Seine Tochter ist vor kurzem zwölf Jahre alt geworden. Das “schwierige” Alter hat begonnen, sagt seine Frau. Ihm ist allerdings außer ein wenig Gezicke noch nichts wesentliches aufgefallen. Sein Zehnjähriger macht ihm da schon mehr Sorgen, denn dieser ist völlig in sich gekehrt und benimmt sich, zumindest nach väterlichen Maßstäben, nicht eben wie ein “echter” Junge. Schon oft hat er versucht, in Gesprächen in ihn zu dringen, um eventuelle Probleme, etwa militante Mitschüler aufzudecken. Angeblich ist alles in Ordnung.

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Flug DE 3894

“Beeilt Euch Kinder! In einer halben Stunde kommt das Taxi, das uns zum Flughafen bringt. Und Ihr seid nicht mal fertig angezogen. Gegessen habt Ihr auch noch nichts. Immer das Gleiche. Wenn Ihr schnell machen sollt, werdet Ihr unendlich langsam!”

Sie weiß, dass ihre Worte die Kids sowieso nicht erreichen, jedenfalls nicht wirklich, aber sie muss sprechen, um ihre eigene Aufgeregtheit zu kanalisieren. Sie kann es kaum erwarten in dieses verdammte Flugzeug zu steigen und zweieinhalb Stunden später ihren Mann zu umarmen. So ein Dasein als einsame Alleinerziehende ist auf Dauer nichts für sie. Gut, dass das bald ein Ende hat. Nach dem Urlaub wird ihr Mann wieder mit nach Deutschland fliegen.

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Gewissensfragen

Unter seinen Füßen spürt er die angenehme Wärme von der Sonne aufgeheizter Felsen. Der Himmel beginnt sich zu färben, am Strand sind kaum noch Menschen. Wie immer, wenn er nah am Abgrund steht, fragt er sich, wieso in diesem Land, in dem es keine Sicherungspflicht wie in Deutschland gibt, dennoch nie einer abstürzt. Ein Gedanke, der ihn jedesmal schwermütig ob der Regelungsdichte der gründlichen Deutschen werden lässt.

Bis zu seinem nächsten Termin, DEM Termin des Tages, am Flughafen ist noch Zeit und so beschließt er, zum Strand hinab zu klettern und an der Wasserlinie einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Ein laues Lüftchen umspielt seine Beine. Es ist ein perfekter Tag voller Vorfreude gewesen und wie es aussieht, kann ihm den keiner mehr versauen. Morgen wird er mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Mädchen einen Ausflug an die Nordküste unternehmen. Er freut sich schon darauf, seiner Familie die Insel zu zeigen, die er bereits so lange kennt. Er freut sich auf den Ausdruck kindlichen Staunens im Gesicht seiner Vierjährigen und die Begeisterungsrufe ihrer sechsjährigen Schwester. Der Gedanke befriedigt und schmerzt ihn zugleich.

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