Lebenszeitverschwendung 2.0 – Viel Lärm um nichts!

Sie kennen das doch sicher auch. Zu einem interessanten, vorzugsweise politischen Beitrag irgendwo in der Weite des Netzes hinterließen Sie einen Kommentar. Es dauerte nicht lange bis der erste Wadenbeißer seinen Kommentar unten dran hängte, kurze Zeit später war das schönste verbale Hauen und Stechen im Gange. Lautstärke hoch, Sachlichkeit niedrig. Staunend verfolgten Sie die Diskussion…

In den letzten Jahren wurde viel geschrieben über die zumeist anonyme Meute, die sich im Internet auszutoben pflegt und dabei jedwede Form von Anstand beiseite fegt. Manch einer überlegte ernsthaft, die Kommentarfunktion unter seinen Beiträgen komplett abzuschalten, um z.B. seine Gedanken nicht durch unqualifiziertes Geschmiere herabwürdigen zu lassen oder weil sie schlicht keinen Bock darauf hat, sich in ihrem eigenen Wohnzimmer blöd anmachen lassen zu müssen.

Ich beobachte die Blogosphäre auch schon seit Jahren und habe sicherlich genügend Erfahrungen in dieser Richtung machen müssen. Mir scheint sich die Problematik insofern etwas zu verlagern, als ich die grob polemisierenden Kommentarmassen nur noch in Ausnahmefällen vorfinde. Da scheint es, vermutlich durch konsequenteres löschendes Durchgreifen der Betreiber eine Abmilderung des Phänomens zu geben.

Auffällig finde ich jedoch die Verschärfung des allgemeinen Tons in den Kommentaren, ohne dass man ihn gleich als polemisch inakzeptabel diagnostizieren müsste. Da wird stereotyp behauptet, der Autor habe keine Ahnung von diesem oder jenem, Belege für diese Behauptung bleiben natürlich aus. Da wird beklagt, Beitrag X oder Y passe nicht zum – wohlgemerkt kostenlos lesbaren – Blog und vieles mehr.

Der Kommentator im Allgemeinen entwickelt ein Selbstverständnis, dass ich nicht mehr als kooperativ ausgerichtet identifizieren kann. Vielmehr scheint der Wunsch weitestgehender Selbstverwirklichung ungeachtet eigener Einflussgrenzen zum Trend zu werden. Jeder ist Experte für alles, alle anderen sind mindestens schlechter, wenn nicht gleich ganz ahnungslos. Massenhaft Bundeskanzler- und/oder Präsidentenanwärter kommentieren sich durch Blogdorf.

Eine geordnete Diskussionskultur kann ich nicht mehr erkennen, wobei Ausnahmen wie überall lediglich die Regel bestätigen. Eine ganze Weile habe ich mich darüber gewundert. Mittlerweile glaube ich die bestimmenden Faktoren benennen zu können.

Zum einen spielt das alte kriminologische Prinzip von der Entfernung zwischen Tat und Täter sicher eine bedeutende Rolle. Bekanntlich begehen Menschen umso leichter umso schwerere Verbrechen, je weiter sie von ihren potenziellen Opfern entfernt sind und je mittelbarer die Auswirkungen der Tat erlebt werden. Will heißen, man rammt jemandem Auge in Auge schwerer ein Messer in die Brust, als dass man einen schweren Stein über eine hohe Mauer wirft und so jemanden erschlägt. Auch Holzklötze von Autobahnbrücken werfen wird in diesem Zusammenhang gern als Beispiel genommen.

Im Web 2.0 ist solches Verhalten unproblematisch möglich. Unter Pseudonym aufzutreten ist mehr als üblich und wo man nicht identifiziert werden kann, hindert einen anscheinend nicht mal mehr das eigene Gewissen daran, verbal die Darmtuba zu spielen. Von schwereren Fällen, wie dem zunehmenden, gezielten Cybermobbing will ich gar nicht erst anfangen.

Zum anderen darf man nicht vergessen, dass die Gruppe der Diskutierenden im Web 2.0 in keiner Hinsicht homogen ist. Hier treffen Menschen aufeinander, die im wahren Leben zwar möglicherweise aufeinander treffen, aber ohne Umschweife aneinander vorbeigehen würden. Da hätten sonstige nonverbale Faktoren der Vermeidung sozialer Konflikte gegriffen. Korrektive, die wir im Web nicht haben.

Könnte ich erkennen, dass der Kommentator A ein pickeliger 17jähriger ist, würde ich sicherlich keinen Aufwand in eine Diskussion mit diesem Burschen stecken. Es sei denn, es ginge um das jüngste Album von Linkin Park. Wüsste ich, dass Kommentator B vor dem Rechner sitzend eine Trachtenjacke und einen Tirolerhut trägt, könnte ich mir eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit der CSU-Politik in Bayern gleich sparen. Hätte ich gesehen, dass Kommentator C ein Pentagramm auf der Stirn trägt und auch ansonsten eher durchgehend schwarz gefärbt erscheint, ließe ich die Diskussion über christliche Werte sicher sein.

Man kann sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass gerade die genannten, überzeichneten Beispiele der Diskussion bedürfen würden. Da würde ich sogar zustimmen. Allein wären dies keine Diskussionen, die ich zu führen bereit wäre.

Ich bewege mich nicht im Internet, um mich mit Leuten zu streiten, die aufgrund ihrer Jugend, ihres Alters, ihrer persönlichen Arroganz, ihrer Religion, ihrer politischen Ausrichtung oder aufgrund einer desaströsen Mischung mehrerer dieser Faktoren offenen Diskussionen überhaupt nicht zugänglich, weil nicht zugeneigt sind.

Ich bewege mich nicht im Internet, um einen Verlust an Lebensqualität zu erleben. Ich beabsichtige den exakt gegenteiligen Effekt. Alles, was mir dabei in die Quere kommt, ist Lebenszeitverschwendung 2.0.

[Der Beitrag erschien zuerst im Dr. Web Magazin.]

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