Wikileaks: Viel Geräusch um wenig Substanz

Was für ein Wochenende. Am Samstag sendet mir der Spiegel folgende Info zu meinem Abonnement:

Schnell verbreiten sich Gerüchte, dass diese Ankündigung mit den geplanten Wikileaks-Enthüllungen zu tun haben wird. Meine Güte, denke ich. Da muss aber richtig was im Busch sein! Am Sonntag wird immer klarer, dass tatsächlich Wikileaks der Grund für das späte Erscheinen des Spiegel ist. Man will eine weltweit koordinierte Aktion der beteiligten Redaktionen, u.a. Guardian, El Pais sicherstellen.

Am Nachmittag dann verkauft ein offenbar uninformierter Kioskbetreiber bereits die ersten Exemplare der Druckversion. Schnell macht das Titelblatt als TwitPic die Runde. Und gegen 19.30 Uhr lässt sich der avisierte Startzeitpunkt 22.30 Uhr nicht mehr halten. Die digitalen Versionen des Spiegel gehen an den Start.

Ich lade mir die iPad-Version herunter und erwarte katastrophales. Allein, dem ist nicht so. Harmloses Geplänkel zu Einschätzungen amerikanischer Botschaftsmitarbeiter zu deutschen Politikern wird mir da als Knüller serviert. So ist Westerwelle „agressiv“ und Merkel „selten kreativ“. Wusste ich schon. Auch Guttenbergs Charakterisierung als „echter und bekennender Freund der USA“ überrascht mich nicht. Immerhin ist er ja  Mitglied der Atlantik-Brücke, die sich die Förderung des deutsch-amerikanischen Verständnisses auf die Fahnen geschrieben hat. Da wäre jede andere Art von Charakterisierung interessanter gewesen.

Ich kämpfe mich also durch die 18 iPad-Seiten und erfahre summa summarum nichts neues. Lediglich erhalte ich die Bestätigung, dass das amerikanische Botschaftspersonal offensichtlich über gesunden Menschenverstand verfügt. Erst die Berichte über die Kabel aus der Türkei und dem Iran, sowie dessen Anrainerstaaten lassen ein gewissen Gefühl von Neuigkeit aufflammen. So hätte ich beispielsweise nicht gedacht, dass die USA Erdogan für einen „ignoranten Islamisten mit korrupter Regierung“ halten. Immerhin wollen Sie die Türkei in die EU hieven. Ahmadinedschad wiederum als „Hitler“ zu bezeichnen ist fast schon zu selbstverständlich für eine so sensationelle Wikileaks-Enthüllung. Interessant fand ich dann aber doch die Berichte aus den Anrainerstaaten, in denen man so gar nicht auf Irans Linie zu sein scheint und sogar militärischen Massnahmen nicht ablehnend gegenüber stehen soll.

An dieser Stelle stellt sich jedoch die Frage nach der Zielsetzung der Depeschen. Stehen die Anrainer tatsächlich eher an der Seite der USA oder wollen die Diplomaten bloß diesen Eindruck in ihrem Heimatland erwecken. Ich erinnere mich da an Fotos von Massenvernichtungswaffen…

Brav schaute ich dann zu vorgerückter Stunde noch Anne Wills Diskutandenstadel. Lobo und Kocks sorgten für einen akzeptablen Unterhaltungswert, wenn auch inhaltlich nichts über die Spiegel-Berichterstattung hinaus ging. Im Gegenteil hatte ich den Eindruck, dass die Diskutanden nicht einmal den Spiegel gelesen hatten. Aber, was soll das verwundern? Seit wann diskutieren nur Leute mit Fach- und Sachkenntnis bei Anne Will?

Im Ergebnis ist die aktuelle Wikileaks-Veröffentlichung kein Skandal, keine Enthüllung und auch keine Sensation. Jemand hat sich über das Briefgeheimnis hinweg gesetzt und Dinge an die Öffentlichkeit gebracht, die für sie nicht bestimmt waren, die sie aber auch nicht verändern werden. Man hätte es auch lassen können…

7 Gedanken zu „Wikileaks: Viel Geräusch um wenig Substanz“

  1. Hallo Dieter,

    das sehe ich ein keines bisschen anders, das was unsere „freien“ Medien uns präsentieren ist sicher keine Sensation. Hey, der Spiegel hat die Infos bekommen, was willst Du erwarten.

    Tatsächlich stehen in Nebensätzen hochinteressante Dinge, wie besagte Äusserung aus dem Jemen „Wir werden weiter erklären, dies seien unsere Bomben, nicht eure.“

    Leider kannst Du Dich in der BRD von heute nicht darauf verlassen, dass Medien diese Infos aufbereiten, Du und ich, wir müssen selber lesen.

    Keine Zeit?

    Hab ich auch nicht 😉

  2. Nun, das würde ja bedeuten, ich müsste mir 250.000 Dokumente ansehen, um zu verhindern, dass mir die entscheidende Info durch die grauen Lappen geht.

    Unschaffbar.

    Aber, damit das nicht missverstanden wird. Ich bin für Wikileaks als Konzept. Es müsste viel mehr davon geben.

    Nur die gestrige Enthüllung fand ich halt wenig enthüllend.

  3. Genau so sehe ich das auch, mir erscheint das Geschrei um die Meinung einiger US-Botschaftsheinis extrem übertrieben.

    Doch das hat meiner Meinung nach System, lieber mal ein paar pseudo-pikante Sprüchlein über Guttenberg und Westerwelle als auf die zummindest andeutungsweise vorhandenen wirklichen Skandale einzugehen.

    Wikileaks als Konzept ist schon klasse, doch erwarte ich solche „Leistungen“ von öffentlich-rechtlichen Medien.

  4. Na ja, Herr Schmitz! Mehr als eine Woche später zu veränderten Einschätzungen zu kommen, ist keine Kunst. Obschon ich den Begriff „Erdrutsch“ auch heute nicht schreiben würde…

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