Jahresrückblicke sind langweilig

Dieser Tage läuft im Fernsehen kaum was anderes als Jahresrückblicke. Besonders die öffentlich-rechtlichen Sender geben sich alle Mühe, die relevanten Geschehnisse des Jahres noch einmal in epischer Breite über den Äther zu schicken. Kaum kann man sich der Langeweile entziehen, jedenfalls dann, wenn man zu der Bevölkerungsgruppe gehört, die sich ohnehin stetig über die Vorkommnisse in Deutschland und der Welt unterrichtet hält. Da will man, wenn man nicht chronisch betroffenheitsbedürftig ist, nicht erneut den Mützenträger sehen, der in Zchinvali seine zerbombte Bude zeigt. Erstaunlich allerdings ist, dass die Finanzkrise zwar Erwähnung findet, aber weitaus weniger dramatisch dargestellt wird, als kritische Experten dies tun. Langeweile durch Weglassen.

Software As A Service

Was ist im Netz 2008 passiert? Nichts, im Grunde. Da gab es ganz andere Jahre in der letzten Dekade. Suchen wir ein bisschen. Dieser Tage ist es so, dass wie selbstverständlich Software ins Web abwandert. SaaS ist ein Zukunftsthema. Bloß warum? Warum wollen zumindest Viele, dass Software, die bislang installiert wurde, künftig online verfügbar sein sollte. Gut. Für die Entwickler ist das eine schöne Sache. Man programmiert einfach vorhandene Lösungen auf der niedrigeren Basis einer Webapplikation neu und wird dafür gepreist. Was aber motiviert den Anwender, seine bisherige lokale Aufgabenplanerlösung ins Netz zu verlagern?

Im Netz ist alles stetig verfügbar. Das wird der Grund sein. Besonders für Leute, die ständig an wechselnden Rechnern arbeiten. Bloß, wieviele sind das? Nicht genug jedenfalls, um den Trend zu rechtfertigen. Der Trend ist eine Blase. Ich prognostiziere, dass in der zweiten Jahreshälfte 2009 die meisten dieser überflüssigen Dienste wieder den Löffel werden abgegeben haben. Dies vermute ich nicht, weil ich etwa so schlau wäre, sondern weil es einfach auf der Hand liegt.

Soziale Netzwerke

Soziale Netzwerke sind angeblich weiterhin auf dem Vormarsch. Wer-kennt-wen und Facebook werden die besten Perspektiven angedichtet. Auch das ist eine Blase. Nehmen wir XING als Beispiel. Ich habe in einer nicht repräsentativen Umfrage mal nachgehört, wie es denn mit den wirtschaftlichen Aspekten einer XING-Mitgliedschaft aussieht. Generiert man dadurch Geschäft oder ver(sch)wendet man bloß seine Zeit? Meine Gesprächspartner bestätigten mir durchweg, dass sie noch nie auch nur ein minimales Geschäft über XING angebahnt hätten. Finanziell ein Zuschussgeschäft, diese Mitgliedschaft. Natürlich nicht für XING. Die leben ja von den zahlenden Profilhaltern und sind nach dieser Definition profitabel, weil genug Leute zahlen. Auch ansonsten hört man viel über die Schwierigkeiten, soziale Netzwerke zu monetarisieren. Gerade StudiVZ scheint da trotz großer Nutzerzahlen schwer betroffen sein.

Neue und alte Webtechnologien

Adobe AIR schickt sich an, Web und Desktop zu verbinden. Wozu? Man weiß es letztlich nicht. Gut ist AIR natürlich für Leute, die gleichzeitig auf verschiedenen OS-Plattformen arbeiten. Bloß, wieviele sind das? Ich erwähnte es bereits weiter oben…

Die wesentlichen Technologien allerdings bleiben seit Jahren weitgehend unverändert. PHP, MySQL, Apache – nix wichtiges ist passiert oder wird passieren. Google hat einen eigenen Browser rausgegeben – Na und? Unnütze Sachen werden fortentwickelt, wie etwa Flock – World´s Most Useless Browser. In Sachen Webdesign hat sich nahe nichts getan. Allerdings findet in grundlegenden Fragen Fortschritt schon seit zehn Jahren eher zaghaft statt. Sogar AJAX als Knüller der letzten Jahre, war schon zu Zeiten der Proklamation ein alter Zopf.

Auch von Adobe hört man dieser Tage wenig gutes. Offenbar hatten sich die Vorreiter der digitalen Medienproduktion höhere Umsätze aus der just erschienenen CS4-Version ihrer Software erwartet. Bloß warum? Es gibt kein einziges wirklich zwingendes Argument, von CS3 auf CS4 zu wechseln. Schon gar nicht unter Beachtung der Kosten-Nutzen-Relation.

Blogdorf und die Holzmedien

Zu guter Letzt sei noch ein Blick auf die Blogosphäre geworfen. International, besonders in den USA scheinen sich Blogs gegenüber den traditionellen Medien zu emanzipieren, respektive diese zu überholen. Jedenfalls nutzen mittlerweile mehr Amerikaner Onlinemedien zur tagesaktuellen Information als Holzprodukte. In Deutschland sieht die Sache indes anders aus. Hier scheint die Blogosphäre auf dem Rückmarsch zu sein, während die Holzmedien sich Kommentaren öffnen und damit im Grunde den Hauptvorteil der Blogs, nämlich das unmittelbare Feedback antizipieren, ohne tatsächlich ein gleichwertiges Pendant zu bieten. Der Deutsche an sich ist jedoch in der Masse ein sehr gemütliches Wesen, welches sich mit jeder Art von Demokratie, auch dem BILD-gesteuerten Meinungsmanipopulismus anfreundet.

Von daher sind wirtschaftlich erfolgreiche Alternativmedien in Deutschland auch für 2009 nicht in einem Maße zu erwarten, dass man von einer relevanten Reichweite sprechen könnte. Darüber werden sich erstaunlicherweise die Betreiber der Alternativmedien freuen, weil diese wiederum von einer eigenen abstrusen Elitarität ausgehen, zu der es wie selbstverständlich gehört, vom Mainstream abgelehnt zu werden. Gib mir Dein Geld und lass Dich dafür beschimpfen, scheint in etwa die zugrundeliegende Haltung zu sein. Kein funktionierendes Geschäftsmodell kann sich daraus entwickeln.

Microblogging und Lifestreaming

Ein Trend lässt sich nicht unterschlagen, nämlich der des Microblogging. Wobei Microblogging eigentlich schon das falsche Wort ist, wenn man mit Blogging eine Form der Äußerung zusammenhängender Gedanken in logischer Abfolge unter Verwendung einer angemessenen Sprache versteht. Microblogging ist bloß Gequatsche. Wenn ich den Twitterstrom betrachte, fehlt mir stets wieder aufs neue das Verständnis dafür, wieso Leute namhafte Zeitkontingente in die Nutzung des Dienstes stecken. Twitter ist wie SMS öffentlich und für jeden außer den konkreten Adressaten unnütz und uninteressant.

Wenn ich höre, wie das Hohelied auf Twitter gesungen wird, weil einer zuerst twittert, er hätte gerade einen Flugzeugabsturz überlebt, bevor er seine Familie anruft, wird mir schlecht. Der Mensch entfernt sich von seinen angestammten sozialen Verhaltensweisen. Erst war es nur der Cyber-Sex, jetzt ist es die Cyber-Clique. Was kommt als nächstes? Man kann im Grunde nur froh sein, dass sich manche Dinge, wie die Nahrungszufuhr nur rein körperlich erledigen lassen. Da hat die Virtualisierung keine Chance.

Glücklicherweise wird Twitter schon deshalb scheitern, weil es sich nicht monetarisieren lässt und das Ableben deshalb nur eine Frage der Zeit ist. Der ganze Lifestreamingansatz wird das gleiche Schicksal erleiden. Wen interessiert es schon, zu verfolgen, welches Lied der Lifestreamer gerade hört, was er kurz zuvor getwittert hat und welche YouTube-Videos er gestern geguckt hat? Ich meine, wer interessiert sich dafür auf Dauer? Auch interessant ist die Frage, wer hat ein Bedürfnis, sich in dieser Art und Weise gläsern zu machen und vor allem wieso?

Wissen Sie die Antwort? Habe ich einen Trend vergessen? Langweilig? Habe ich ja vorher gesagt…

2 Gedanken zu „Jahresrückblicke sind langweilig

  1. Spätestens seit Twitter kürzlich gehackt wurde und Accounts von z.B. Barack Obama und Britney Spears missbraucht wurden, hat sich das mit der Monetarisierung des Dienstes wohl erledigt.

    Ein gutes neues auch 🙂

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