Putinkinsche Spiegelfechtereien in Blogdorf

Nein, ich habe nicht jeden Beitrag gelesen, den sich Deutschlands selbsternannte Politblogger rausgeschraubt haben. Allerdings haben mir die paar, die ich zur Kenntnis nahm, auch vollkommen gereicht. Allen voran fühlte sich wieder der mutmaßliche Wasserversorgerflyerersteller Berger bemüßigt, auf die deutschen Medien, diesmal in Gestalt des ARD einzudreschen.

Manipuliert habe man. Propaganda sei das, faselte er und massenweise Mist hintendrein. Ganz investigativ stellte er dann ein Transskript, sowie die vollständige Fassung aus dem Russen-TV in seinen Beitrag (Ich schreibe extra „in seinen Beitrag“, weil es doch tatsächlich Leute gab, die behaupteten, er habe das Video online gestellt. Was natürlich Unfug ist.) Und wie es in Blogdorf üblich ist, schlugen sich Blogger bestimmter Couleur, von denen es eine Überzahl in Blogdorf zu geben scheint, direkt auf Bergers Seite. Selbst die sonst ernster zu nehmenden Nachdenkseiten überschlugen sich in propagandistischer Rhethorik, dass man hätte meinen können, unser alter Goebbels wäre höchstselbst dem Grabe entstiegen, um das ARD-Video einzukürzen.

Tatsache hingegen ist zweierlei. Erstens: Roth hat das Interview geführt. Zweitens: Roth hat das Interview eingekürzt. Roth gilt nicht als grundsätzlicher Russlandkritiker und hat im Interview sogar teilweise russische Positionen bestätigt. Außerdem hat Roth das Interview für andere Sender unter der einzigen Voraussetzung der Quellenangabe freigegeben.

Was sagt uns das? Es sagt uns schon einmal, dass nicht DIE ARD manipulativ eingekürzt hat, sondern der Interviewer selber. Der Hintergrund Roths, sowie seine Äußerungen im Interview sagen uns, dass er kein russlandfeindlicher Agitator ist.

Kritikfähig bleibt allein der Umstand, dass das Interview überhaupt gekürzt werden musste. Andererseits findet das ständig statt. Auch ich habe dem Fernsehen schon halbstündige Interviews gegeben und fand dann im fertigen Produkt drei bis vier Sätze davon wieder. Das bedeutet nicht nur, dass ich nicht Putin bin, sondern das bedeutet auch ansonsten nichts, sondern gehört zwingend zur journalistischen Tätigkeit. Es ist sogar der Kernbereich journalistischer Tätigkeit.

Das die Russen das Interview überhaupt vollständig zeigen durften, verdanken sie wiederum Roth. Ein ganz schön blöder Manipulator müsste der sein, wenn er sein Video propagandistisch zusammenschneidet, anderen aber die ungekürzte Ausstrahlung erlaubt. Und das die Russen das Interview vollständig zeigten, allerdings unklar welche Bedeutung der Sender hatte, ist wohl logisch. Schließlich steht Russland am internationalen Pranger. Nicht einmal alte Kumpel wie die Chinesen stellen sich hinter Putins Invasionsstrategie. Da muss man im Lande schon mal den Darm der Trommel der öffentlichen Meinung strapazieren.

Was bleibt nun von dem ganzen Bohey? Nichts. Der mutmaßliche Wasserversorgervisitenkartendrucker Berger hat mal wieder den Hafen bis zum Anschlag aufgerissen, als wäre er Seymour Hersh (Der allerdings einen sanfteren Ton bevorzugt und auch eine einschlägige Qualifikation vorweisen kann). Und die Schweinetreiber der deutschen Blogosphäre haben nichts besseres zu tun, als diesem omnikompetenten Mastermind der modernen politischen Meinungsäußerung ihr „Hail“ zuzurufen.

4 Gedanken zu „Putinkinsche Spiegelfechtereien in Blogdorf

  1. Mir fehlt die Kompetenz, um „politisch“ zu bloggen. Das ist natürlich Quatsch, denn alles was man sagt, was man schreibt, ist von einer politischen Meinung geprägt – im optimalsten Falle sogar der eigenen -, bewusst oder unbewusst. Ob diese subjektive Meinung allerdings das Zeug zum Allgemeingut hat, stelle ich nicht zur Diskussion. Wichtiger ist mir die Meinungsfreiheit an sich. Etweiige Manipulationen eingeschlossen.

  2. Warum Du wieder einmal einem Blogger mit hoher Klickrate (ich schreibe bewusst nicht A-blogger oder son Scheiß) so dermaßen heftig und persönlich ans Bein pisst, ist mir – wieder einmal – völlig unklar.

    Zum Inhalt: Herr Roth respektive die Redaktion der tagsschau hat ja exakt die Stellen rausgeschnitten, die der Einheitsmeinung der Nachrichtenverkaufsanstalten widersprechen. Insofern ist durchaus davon auszugehen oder zumindest in Erwägung zu ziehen, dass es nicht gewünscht war oder ist, dass sich der gemeine deutsche Fernsehzuschauer eine eigene Meinung bildet, indem er Argumente beider Seiten vergleicht.

    Was bleibt ist außerdem der Dünkel, dass ein zukünftiger Amerika-Korrespondent genau die Stellen streicht, die eine massive und letztlich ja nicht unbegründete Kritik der amerikanischen Politik beinhalten.

    Und Hand aufs Herz: Ist es wirklich eine journalistische Notwendigkeit, ein 27-minütiges und wichtiges Interview auf wenige Minuten zu kürzen, wenn danach 5 Stunden Dreck läuft? Ich denke nicht.

  3. @pp: Das ist ganz einfach. Ich mag anmaßendes Verhalten nicht. Ich sage auch meine Meinung, aber ich erwecke dabei nicht den Eindruck, als wäre diese die einzig wahre und als hätte ich überdies sämtliche Weisheit der Welt mit der Schöpfkelle zu mir genommen.

    Apropos zur Sache: Was Roth meinte kürzen zu müssen, überlasse ich dem Roth. Ich kürze meinen Kram hier auch nach meinem Gusto.

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