Unpopulär, aber wahr

Was mir in den Tarifrunden der letzten Zeit aufgefallen ist, ist, dass es in den meisten Fällen zu Konstrukten, wie „erstmal X Euro drauf und dann X Prozent mehr“ gekommen ist. Auf diese Weise wollten die Gewerkschaften wohl sicherstellen, dass niedrigere Löhne überproportional vom Abschluss profitieren. Was ich auch sehr fürsorglich finde. Außerdem gönne ich jedem seine Entlohnung.

Nüchtern betrachtet muss man jedoch konstatieren, dass derlei Abschlüsse zu einer Verflachung der Tarifhierarchie führen. Sprich: Die Löhne innerhalb einer Tarifstruktur gleichen sich aneinander an. Das mag zwar im Interesse der Niedriglöhner in Ordnung sein, ist es aber mit Blick auf die mittleren und höheren Löhne und Gehälter mitnichten. Denn diese Gleichmacherei in der Entlohnung missachtet die Unterschiedlichkeit der Aufgabenprofile. Vulgo: Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass der mittlere Angestellte auch mehr Verantwortung trägt als der untere, wofür er dann entsprechend mehr Geld bekommt. Was man bislang auch gesamtgesellschaftlich als „gerecht“ betrachtet hat.

Nähern sich nun die unteren Löhne zu stark an die mittleren an, werden sich die Empfänger mittlerer Gehälter irgendwann zu Recht fragen, ob sie die Last der zusätzlichen Verantwortung noch vernünftigerweise tragen sollten. Aus meiner Sicht ein ernstzunehmendes Problems in der Gesamtproblematik des „Verschwindens des Mittelstandes“.

Dass die Wirtschaft insgesamt „Niedriglohn für alle. Reichtum für das Management.“ will, spielt in dieser Hinsicht ausnahmsweise mal keine Rolle…


7 Gedanken zu „Unpopulär, aber wahr

  1. Meine alte Firma war bis vor 10 Jahren ein Familienunternehmen mit 300 Angestellten, einen Betriebsrat gab es nicht, weil kein Bedarf bestand. Es würde sowieso über Tarif bezahlt, der Chef war beliebt. Als sich die Nachfolgeregelung stellte, wurde das Unternehmen an einen amerikanischen Konzern verkauft. Als Folge wurde dann ein Betriebsrat gewählt, die IGM wurde zurecht aktiv.
    Mittlerweile wurde das IG-Metal-System ERA eingeführt und die Facharbeiter, die seit teilweise 20 Jahren an Bearbeitungszentren arbeiten und hochqualifiziert sind, bekommen jetzt genauso viel Geld, wie die Arbeiter, die erst seit zwei Jahren an der Maschine stehen.
    Als Ergebnis haben die jetzt zwar ein „gerechteres“ Entlohnsystem, dafür kündigen reihenweise langjährige MA und tragen ihr wissen zur mittelständischen Konkurenz, wo noch nach Engagement und nicht nur nach Papierqualifikation gezahlt wird.

  2. Moin Didda,

    dem kann ich nicht zustimmen. Mehrere Quellen besagen das die Lohnquote am Vokseinkommen kontinuierlich sinkt. Seit der Wiedervereinigung findet eine Spreizung der deutschen Lohnkultur statt und hinsichtlich der Lohnungleichheit international nimmt Deutschland einen oberen Platz ein.
    Exorbitante Gehaltserhöhung der Gut-Verdiener bei zeitgleicher Ausbreitung des Niedriglohnsektors, für viele Bereiche ist die Tarifbindung entfallen, um zwei Beispiele zu nennen.

    Gruß Dein Vedda

  3. @Marvon: Siehe Kommentar von Stoibär. Ich meinte nicht die gesamtwirtschaftliche Angleichung, sondern lediglich diejenige in tarifgebundenen Einheiten mit interner Tarifhierarchie.

  4. Selbst hier gelten die Gesetze der sozialen Marktwirtschaft… dort wo ein Fachkräftemangel zu Engpässen führt wird mit außertariflichen Zuschlägen dem entgegen gewirkt.

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