Daten lügen nicht – Realitycheck

Am 15. November 2007 schrieb ich die Kurzgeschichte „Daten lügen nicht!„. Diese befasst sich mit den – in der Geschichte sehr dramatischen – potenziellen Konsequenzen der Vorratsdatenspeicherung. Ein Familienvater wird darin zu Unrecht des Besitzes und der Verbreitung von Kinderpornografie beschuldigt, was seine Familie und letztlich sein Leben zerstört. Und dies bloß, weil es bei der Zuordnung einer IP-Adresse zu einem Realnamen zu einer Verwechslung gekommen ist. Aber, weil Daten schließlich nicht lügen, hat dem Familienvater in der Geschichte schlussendlich niemand geglaubt. Fast so ist es kürzlich TATSÄCHLICH passiert.

Wie die c´t auf Seite 39 ihrer am morgigen Tage erscheinenden Ausgabe 8/2008 unter dem Titel „Unschuldig unter Verdacht“ berichtet, wurde Anfang Februar 2008 das Haus des Professors Erwin S. von Dach bis Keller auf Kinderpornografie durchsucht, sowie seine Computer beschlagnahmt. Die Durchsuchung erfolgte in Abwesenheit des Professors, aber in Gegenwart seiner Frau, sowie seines zehnjährigen Sohnes.

Grundlage der Durchsuchung war die Herausgabe der Adresse des S. durch einen Mitarbeiter des Providers ARCOR, der sich bei der Zuordnung der angefragten IP-Adresse zum Realnamen schlichtweg vertan hatte. Glücklicherweise ruderte der Provider gegenüber dem BKA freiwillig und zügig zurück und räumte das Versehen zeitnah ein, so dass der schlimme Verdacht keine weiteren Folgen für S. hatte.

Wer näheres wissen möchte, kaufe sich morgen die c´t und lese den ausführlichen Bericht. Insbesondere das Verhalten der Ermittler ist in erschreckendem Maße dem ähnlich, welches ich in der obengenannten Geschichte schilderte. Da sage nochmal einer, sowas könne nicht passieren. Nach meiner Einschätzung wird es zukünftig eher noch schlimmer werden, denn im c´t-Falle wurde die Zuordnung noch durch einen Menschen durchgeführt, der seinen Irrtum erkannte und einräumte. Wenn wir erst soweit sind, dass die Zuordnung vollautomatisiert abläuft, gibt es keinen mehr, der einen Irrtum erkennen, geschweige denn einräumen könnte. Brave new world…

3 Gedanken zu „Daten lügen nicht – Realitycheck

  1. Das erinnert mich immer wieder an den Film „Minority Report“ und dachte ich doch, so etwas sei eher ins Land der Fabeln, also in die USA, zu verbannen, weil hier die Unschuldsvermutung eine starke Barriere sei. Glücklicherweise sind jedem Ermittler noch Gerichte nachgeschaltet.

  2. Das „glücklicherweise“ kann aber ziemlich relativ sein ….

    Welchen Effekt hat denn das Gericht, wenn es ggf. Monate oder Jahre später feststellt, daß Sie unschuldig sind?
    – Ihr Chef hat Ihnen nicht geglaubt – einen Job haben Sie nicht mehr.
    – Ihre Frau hat Ihnen nicht geglaubt – und dank eines anderen Gerichts dürfen Sie auch Ihre Kinder nicht mehr sehen (zahlen dürfen Sie selbstverständlich …).
    – Ihr soziales Umfeld hat sich bedenkenlos von „so einem“ abgewandt

    Und so weiter und so fort.

    Immerhin haben Sie zwischenzeitlich Hartz4 und Prozesskostenhilfe erhalten. Letztere gewährt Ihnen der Rechtsstaat noch. Aber wehe, Sie machen die Geschichte unter der Zeit publik, dann werden Sie Kommentare lesen wie: „so einer hat doch keine Prozeßkostenhilfe verdient“ und ähnliche.

    Im Endeffekt ist Ihre bisherige Existenz vernichtet – aber Sie haben immerhin Recht bekommen. Der Staat sorgt für die Möglichkeit, Recht zu bekommen – Gerechtigkeit werden Sie in einem solchen Fall kaum erfahren – denn den Ermittler werden Sie kaum haftbar machen können… Der hat ja nur pflichtgemäß gehandelt – und bekanntlich sind in diesem unserem Lande potentielle Konsumenten von Kinderpornografie noch viel üblere Menschen als, sagen wir mal, erwiesene Völkermörder in Ex-Jugoslawien.

    Na, da wärs mir aber viel lieber, die Ermittler hätten von vornherein sauber gearbeitet …

  3. Bei vollautomatisierter Zuordnung wird es gar nicht mehr möglich sein, gerichtlich eine andere Überprüfung vorzunehmen, als dies durch die Ermittler bereits geschehen kann. Allenfalls könnte ein Gericht die Daten verwerfen. Nur müsste es dazu sicherlich triftige Gründe geben, die nicht im Verfahren selbst begründet liegen können.

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