12 statt 13 Jahre – Lass knacken, Kumpel!

Sagten sich die schwarz-gelben Landesregierer in NRW und verkürzten kurzerhand die Schulzeit auf Gymnasien von 9 auf 8 Jahre. Dabei entschlackten sie natürlich die Lehrpläne nicht. In alt-bewährter Kohlenpottmanier tat man, als wäre dies überhaupt keiner weiteren konzeptionellen Überlegung wert.

Im zweiten Jahr nach der Einführung dieser hanebüchenen Innovation wird immer offenkundiger, dass sich die Bildungspolitiker geirrt haben. Eine Erkenntnis, die ihnen allerdings die Fachleute, die versammelten Philologen, deutlich vorhergesagt hatten.

Für mich wird jetzt eine Dimension erkennbar, die ich bislang aus reiner Selbstfokussiertheit nicht sah. Natürlich ist es für alle Kinder schwer, den neuen verkürzten Parcours mit den gleichen Inhalten zu meistern. Treffe ich andere Eltern, ist die Schule Gesprächsthema Nummer Eins. Jede Mutter, jeder Vater beklagt sich über den Aufwand, den nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern zusätzlich zur 33-Stunden-Unterrichtswoche der Kids treiben müssen.

Was aber, wenn die Eltern dazu selber nicht in der Lage sind? Was, wenn der Bildungsstand der Eltern keine Hilfe möglich macht? Was, wenn, was wahrscheinlich ist, dazu passend, das Einkommen der Eltern eher schmal ist und es nicht für die Finanzierung von Nachhilfeunterricht reicht? Dieses Szenario ist zum nordrhein-westfälischen Alltag geworden. In keinem anderen Bundesland ist derzeit die Kluft zwischen Arm und Reich im Gefüge der Bildungschancen größer.

Dabei braucht man nicht einmal die so beliebte asoziale Schicht in die Betrachtung zu nehmen. Es reicht, wenn man sich beispielsweise alleinerziehende Mütter in gängigen Berufen, wie etwa dem der Verkäuferin, anschaut. Bei den heutigen Schichten kann es passieren, dass die Frau Mama erst gegen 22.30 Uhr in den Schoß der Familie zurück kehrt. Da dürfte es mit der Hausaufgabenbetreuung weder subjektiv noch objektiv gut bestellt sein. Und auch die Finanzkraft dieser Frau Mama wird nicht von nennenswertem Ausmaß sein. Ganz abgesehen davon, dass es nun wirklich nicht sein kann, dass die Chancen auf Bildung in Deutschland wieder eine Frage des Geldes werden.

Man darf sich dabei auch ruhig noch einmal fragen, worin der Sinn besteht, Schüler ein Jahr früher aus der Schule zu entlassen.

[Bildquelle: Wikimedia Commons | PD gemeinfrei]

7 Gedanken zu „12 statt 13 Jahre – Lass knacken, Kumpel!

  1. Das Problem ist nicht nur hier der Fall. Auch im Saarland, wo man das ganze schon vor ein paar Jahren umgestellt hatte (nächstes Jahr gibt es das erste Abitur nach 8 Jahren Gymnasium). Grundsätzlich bin ich nicht gegen G8, nur gegen die Umsetzung.

    Es heißt dann immer nur, in Skandinavien haben sie Pisa gewonnen und die haben auch nur G8. Also wollen wir das auch haben. Aber dann wird eben nur die Schulzeit verkürzt (und vielleicht ein bisschen am Lehrplan geschraubt – aber auch nur ein bisschen). Dass es aber in den skandinavischen Ländern unter anderem auch die Möglichkeit gibt, bei Bedarf auch am Samstag Unterricht zu halten, wird hierzulande völlig ausgeblendet. Und auch von den Eltern abgelehnt wird, obwohl das vermutlich die einzig passable Möglichkeit wird, ohne 10 Stunden Unterricht am Tag trotzdem den Stoff durchzuziehen. Und es darf ja wohl auch nicht die Regel sein, dass Schüler Nachhilfe nehmen müssen, um sich durchzuschlagen. Eigentlich müsste das vielmehr von der Schule respektive den Lehrern übernommen werden.

    Es werden immer nur diese halbseidenen Übernahmen gemacht. Genau wie mit dem Mindestlohn. Gestern Abend bei „Was erlauben Strunz“ auf ntv. Die Linke fordert 8,44 € Mindestlohn? Warum? Weil das in Frankreich auch so gemacht wird. Hallo? Hat sich mal jemand schon die Probleme in Frankreich angeschaut. Die sind noch schlechter dran als wir hier. Aber ich drifte vom Thema ab. 🙂

  2. Mindestlohn? 10 Eu Brutto! Oder kennst Du eine Tätigkeit die weniger wert ist, ausser vielleicht Bundeskanzler?

    Ebenso finde ich es zumindest gewagt einen Zusammenhang zwischen Mindestlohn und „Problemen“ in Frankreich herzustellen.

    Was Deine Kritik am Schulsystem angeht, so sind die Lehrer schuld, denn das ist eine Berufsgruppe in der es nicht einige schwarze Schafe gibt, sondern einige weisse. Unser Schulsystem krankt an allen Ecken, da hilft wahrscheinlich nur ein handwerkerisches „Abreissen und Neubauen“

  3. Das Problem ist, was hat die Politik in der Wirtschaft zu suchen? – Genau, nix!
    Ob die Probleme in Frankreich jetzt tatsächlich mit dem Mindestlohn zusammenhängen, weiß ich natürlich nicht. Aber ein Allheilmittel ist er sicherlich nicht. Und die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich ist auch nicht gerade gering.

  4. Das sehe ich etwas anders. Seit die Politik der Wirtschaft ungehemmt die Happy Digits vorne und hinten rein bläst, ist dort ein Raubtier erwacht. Wie schon Shakespeare sagte: „Blood wants more blood.“

    Und seither sind die Arbeitnehmer auch die Schwächeren, also Schutzbedürftigen. Der beste Schutz, dem man einem Arbeitnehmer bieten kann, ist, zu gewährleisten, dass er von dem Salär, dass er nach einer 40-Stunden-Woche nach Hause trägt, auch leben kann.

    Da die Wirtschaft in unserem Lande den Anstand dazu nicht mehr selber aufbringt und Begriffe wie „Sozialbindung des Kapitals“ auf dem stinkenden Müllhaufen der Geschichte gelandet sind, ist es die verdammte Pflicht des Staates, ordnungspolitische Maßnahmen zu ergreifen, die die soziale Gerechtigkeit wenigstens in Ansätzen wiederherstellen.

    Hat natürlich nicht direkt mit dem Thema Bildung zu tun, erschwert es aber.

  5. Genau, Dieter, es geht darum dass der Mensch von seiner Arbeit leben kann und nicht einfach nur überleben.

    Da besteht allerding kein Interesse bei den zuständigen Institutionen und Herrschaften. Schön sieht man das gerade daran wie mit allen Mitteln Die Linke als unwählbar und undemokratisch darzustellen versucht wird. Die von dieser Partei angesprochenen Probleme lösen? Offenbar für die grossen Parteien kein Thema, da ballert man lieber Geld in eine Medienoffensive… aber zum Glück merkt das keiner der bräsigen Intelligenzverweigerer…

  6. Ich habe (Vater einer Tochter, die dieses Jahr in die Schule kommen wird) prinzipiell nichts gegen G8. Wenn man schon mehr Stunden pro Woche braucht, dann aber bitte richtig!
    Aber wenn man sieht, welche Möglichkeiten dieses System bieten würde:
    – G8 böte die Möglichkeit einer Ganztagesschule mit
    – gezielter Förderung der individuellen Schwächen
    – Fächerübergreifende integrierte Unterrichtsformen
    – Sport
    – Erholung(!)
    – Kreative Freiräume, Musik & Kunst
    – vernünftiges Ernährungsangebot (schon mal gezählt, wieviele schottisch-amerikanische Restaurants in direkter Nähe zu Gymnasien sind? Honi soit… )

    Voraussetzung wäre natürlich die Zusammenarbeit z.B. mit Sportvereinen, Musikschulen und (auch wenns die Lehrer nicht gerne hören werden) Nachhilfe- und sonstiger Förderinstitutionen, aber auch einem lokalen Anbieter von qualitativ gutem Mittagessen.

    Und die Liste dessen, was am Beispiel meiner kleinen ländlichen Heimatstadt tatsächlich angeboten wird:
    – kreatives Herumstreunen während Freistunden
    Das war jetz aber mal eine kurze Liste.

    Ja, allerdings, vor der derzeitigen Ausgestaltung des G8 grausts mir tatsächlich. Der Verdacht, durch die Einführung des G8 ohne begleitende Maßnahmen einfach nur eine hohen Prozentsatz der Kosten einsparen zu wollen, liegt nahe. Die gesellschaftlichen Kosten, die man dadurch einspart, daß man insbesondere sozial Schwächeren die Möglichkeit bietet, Zugang zu gewisser Infrastruktur (z.B. EDV, Musikinstrumente, Bibliothek, naturwissenschaftlichen Experimentierräumen etc) zu bekommen, die kennt niemand. Die will auch niemand kennen. Vereinfacht und zugegeben zugespitzt formuliert: Wer am Abend noch Saxophon übt, der überfällt nicht in Tilidin- und Alkoholbenommenheit Rentner in der U-Bahn. Weniger zugespitzt und für meine nicht mit einer U-Bahn gesegneten Heimatstadt zutreffend: Wer am Nachmittag was in der Schule tut, der klaut im Drogeriesupermarkt nicht gleichzeitig auch noch Kosmetika.

    Immerhin hat meine Kleine dann noch ein paar Jahre Zeit bevor sie die Segnungen des G8 in Anspruch nehmen wird – bis dahin hat sich vielleicht etwas geändert. Darauf hoffe ich.

    (Beginn einer thematischen Abweichung, die ich mir irgendwie gerade nicht verkneifen kann 😛 )
    Ich werde jedenfalls nicht dem Rat meiner Nachbarn (beide im Übrigen Lehrer an der staatlichen Regelschule!) folgen, die ihren Sohn täglich 30km hin und zurück in die Waldorfschule bringen wollen, weil „er noch spielen soll“. Auch wenn gerade diese Schulen die Ganztagesbetreuung anbieten – wer meine Blogbeiträge hier kennt, den wird das nicht verwundern. Wahrscheinlich suchen sie eh nur eine Fahrgemeinschaft, die der ganzen Hin-und Her-Fahrerei dann noch ein ökologisches Mäntelchen bzw. wallendes Eurhythmie-Gewand verleihen soll.

    Ich halte es da eher mit Heinz Becker:
    F: „Mein Sohn ist auf der Waldorfschule“
    H.B.: „Jooo, wann er emol sunscht nix vorhodd“
    Auf Deutsch: „je nun, wenn er denn einmal im Leben nichts erreichen möchte“
    Wer mit „Heinz Becker“ und „Waldorfschule“ sucht, der wirds finden.

    (Ende der thematischen Abweichung)

  7. Auch von meiner Seite nochmal: Ich bin weder gegen Ganztagsschulen, noch gegen G8. Ich bin lediglich dagegen, dass es so gemacht wird, wie es üblicherweise in Deutschland gemacht wird. Nämlich falsch. (Ich sehe allerdings auch bei „richtiger“ Durchführung keinen wirklichen Vorteil in G8)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.