Krähen-Kannibalismus

KrähenDass ich das noch erleben darf. Während meiner frühpolitischen Sturm-und-Drang-Zeit, jenes Lebensabschnitts, in dem ich glaubte, man könnte die Welt fundamental ändern und einer Art kommunistischer Gerechtigkeit zuführen, äußerte ich oft laut und anklagend mein Unverständnis darüber, dass manche Menschen mit entsprechender Macht dennoch gegen Missstände, deren Behebung in ihrer Hand läge, nicht vorgehen. Feigheit und Opportunismus hatten als Begriffe noch keinen Eingang in meinen Sprachschatz gefunden, sich zumindest dort noch nicht verankert. In solchen Fällen pflegte mein Großvater lakonisch zu erwidern: „Junge, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“

Jahrzehntelang konnte ich Beispiel um Beispiel dieser einfachen Gesetzmäßigkeit aus der Tagespresse und anderen Medien entnehmen, nach meinem Eindruck in den letzten zehn Jahren sogar mit steigender Tendenz. Dies führe ich vor allem auf ein perverses Verständnis von – nennen wir es – Public-Private-Partnership zurück, in der es vornehmlich darum geht, wie der Public-Partner dem Private-Partner möglichst großflächig Subventionen und andere Erleichterungen in den Allerwertesten bugsiert, während dieser sich entsprechend erkenntlich zeigt, zum Beispiel durch ausgezeichnete berufliche Perspektiven für den Public-Mann, wenn er denn dereinst zum Private-Mann wird. Beispiele dafür, wie den Herrn mit dem sehr gewöhnlichen Namen und den trotz hohen Alters noch auffallend schwarzen Haaren, die er sich aber selbstverständlich nicht färbt, gibt es zuhauf. So nimmt es nicht Wunder, dass ich meine Vorstellungen von Gerechtigkeit nach und nach ins Museum hehrer Überzeugungen entliehen hatte, ohne damit rechnen zu können, diese jemals wieder als Teil meines Alltagslebens begreifen zu müssen.

Dann, wie eine Botschaft aus Neverland, lese ich heute in der Zeitung, dass sich am gestrigen Montag führende Akteure der NRW-Arbeitgeberschaft, nämlich Arbeitgeberpräsident Maier-Hunke, sowie der Präsident des Handwerkstages Schulhoff, in geradezu erstaunlicher Weise zu aktuellen Fragen des Verhaltens von Führungskräften entäußert hatten. Die Zeitung titelt gar „Arbeitgeber in NRW sagen der „Raffke-Mentalität“ den Kampf an“. Was sicherlich überzogen ist, aber sich natürlich für jemanden, der nicht als Speckmade lebt, gut liest.

Tatsächlich haben Schulhoff und Maier-Hunke bislang unbekannte Töne gesungen. So beklagte Schulhoff beispielsweise, dass Dax-Manager ihre eigenen Bezüge beständig erhöhen, gleichzeitig aber von den Arbeitnehmern Lohnverzicht fordern. Weiterhin kritisierte Schulhoff, dass Vorstandsgehälter, Pensionszahlungen, Abfindungen und sonstige Vergünstigungen für Manager in der Regel von sehr kleinen Präsidien, anstelle einer Vollversammlung der zuständigen Gremien, beschlossen würden. Schulhoff ging sogar so weit, zu fordern, dass Manager für ihre Arbeit in die Haftung genommen werden und bei Versagen mit zwei bis drei Jahresgehältern zur Kasse gebeten werden müssten. Maier-Hunke fasste die unschönen Auswüchse in der heutigen Managerentlohnung dann unter dem schönen Begriff „Raffke-Mentalität“ zusammen und bekräftigte, dass es unhaltbar sei, wenn Manager Pensionen erhielten, die teils höher sind als die Jahreseinnahmen mittelständischer Unternehmer, die überdies mit ihrem gesamten Vermögen für ihr Tun und Lassen haften.

Recht haben sie, die beiden NRW-Arbeitgeber. Man sollte indes nicht so tun, als gäbe es die Raffke-Mentalität im Mittelstand nicht. Man braucht sich bloß die Äußerungen eines Hundt oder eines Rodenstock anzuhören und schon fallen einem noch weit unflätigere Begriffe als „Raffke-Mentalität“ dazu ein. Auch die nahezu Mitleid erregende Äußerung über den Mittelständler, der ganz im Gegenteil zum Manager mit seinem gesamten Vermögen haften müsse, ist bei näherer Betrachtung Unfug. Mit Sicherheit kann man nur sagen, dass der Manager nie haftet, der Unternehmer vielleicht. Je nach Gesellschaftsform und Bockmist, den er im Insolvenzfalle treibt. Dabei ist der durchschnittliche Mittelständler mit seinen GmbHs oder noch besser GmbH & Co. KGs grundsätzlich schon auf der sicheren Seite.

Und so wird man im Ergebnis dazu kommen, dass Maier-Hunke und Schulhoff lediglich Populismus betreiben und dabei hoffen, das eigene Image anhand des noch schlechteren Image der Dax-Unternehmensführer etwas hochrelativieren zu können. Das gelingt für die Länge einer Zeitungsmeldung, aber nicht nachhaltig. Dennoch freut es mich ungemein zu sehen, wie sich die Krähen kannibalisieren. Auch wenn sich deren Population dadurch nicht namhaft wird schädigen lassen.

[Fotoquelle: Wikimedia Commons /Fotograf: J.M. Garg]

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