Der Mord, der keiner ist

Da hat im Ort eben einer seine Frau erschossen. DerWesten berichtet. Das Sonntagsblättchen berichtet auch, aber etwas ausführlicher. Angeblich aus einer finanziellen Notlage heraus, habe Wilfried P. erst seine Frau und dann sich selbst erschießen wollen. Als ehemaliger Jäger verfügte er über Waffenschein und Waffen. Die finanzielle Notlage bestand lediglich darin, dass womöglich das Reihenhaus der kinderlosen Renterfamilie (58 und 57 Jahre) nicht mehr zu halten gewesen sei, dessen Verkauf aber einen Überschuss erwirtschaftet hätte. Seine Frau hatte bereits signalisiert, dass sie es nicht schlimm fände, in einer Mietwohnung zu leben.

Wilfried P. sah das aber wohl anders. Über ein paar Wochen plante er den Mord an seiner Frau. Er informierte sich, mit welcher Waffe und Munition man das wohl am sichersten hinbekäme. Angeblich plante er, sich danach auch selbst zu erschießen. Die zunächst für die Silvesternacht geplante Tat verschob er aus mir nicht bekannten Gründen auf dieses Wochenende. Er wartete bis seine Frau schlief, setzt ihr die Waffe direkt über das Ohr und drückte ab. Nach seinen Angaben soll seine Frau noch „Ooohh“ gesagt, sowie ein Blubbern von sich gegeben haben. Dann war sie tot. Der Anblick seiner toten Frau hat den Wilfried dann davon überzeugt, dass er sich wohl doch besser nicht erschießen sollte. Stattdessen ging er zur Polizei und stellte sich.

Die Staatsanwaltschaft teilte inzwischen mehrererlei Dinge mit, die dem Durchschnittsgerechtigkeitsempfindenden wie mir Rätsel aufgeben und ein Würgen im Hals erzeugen. Wilfried P. wird nämlich nicht wegen Mordes angeklagt. Gut, er hat die Tat offenbar geplant und ob er sich wirklich selbst umbringen wollte, oder ob er das nur als mildernden Umstand behauptet, weiß man nicht. Aber, und jetzt kommt´s: Es fehlt das für einen Mordvorwurf erforderliche Element der Heimtücke! Hätte er seine Frau demnach erschossen, als sie bei Bewusstsein war und sie damit mit „Todesangst konfrontiert“, dann wäre es ein Mord gewesen, weil heimtückisch. So aber hat er ja freundlicherweise gewartet, bis sie schlief und ihr erst dann mit aufgesetztem Lauf die Lebenslichter ausgeblasen. Ist doch klar, dass sowas frei von Heimtücke ist, oder?

Außerdem äußert die Staatsanwaltschaft auch noch Zweifel an der Schuldfähigkeit des Mannes. Er sei offensichtlich nicht verwirrt. Auch habe es nie irgendwelche Anzeichen diesbezüglich gegeben. Nachbarn beschreiben das Paar als stets freundlich und umgänglich. Gesoffen habe der Mann nicht, auch nicht am Tatabend. Ebenso sei die Situation des Paars nicht ausweglos gewesen. Mit dem Verkauf des Hauses hätten sich jegliche finanzielle Probleme wohl beheben lassen. Als sicher gilt, dass die Tat geplant, also nicht im Affekt durchgeführt wurde. Aber dennoch! Gerade deswegen glaubt die Staatsanwaltschaft einen „Tunnelblick“ beim Täter zu erkennen, der sich mindernd auf die Schuldfähigkeit auswirken könnte.

Das ist doch mal eine brauchbare Anleitung für einen Mord, oder?

5 Gedanken zu „Der Mord, der keiner ist

  1. Manchmal lässt einen die Rechtsprechung bzw. die Staatsanwaltschaft wirklich zweifeln. Ähnlich wie mit dem Vergleich der Strafe auf den Besitz von Kinderpornografie und Raubkopieren…

  2. Hat die sich äußernde Staatsanwaltschaft vielleicht vergessen, was ihr Part ist? Doch nicht die Entlastung und Verteidigung des mutmaßlichen Täters. Sehr ungewöhnlich. Das wirft Fragen auf.

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