Knüller: Schüler in NRW wissen wenig über die DDR

Experten des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität (FU) Berlin haben ihre Ergebnisse der Befragung von 900 Schülerinnen und Schülern in NRW, genau genommen in Aachen und Bochum, zusammengefasst und ein katastrophales Bild präsentiert. Geradezu vom Hocker gehauen habe es die Forscher, so deren Leiter Klaus Schröder.

Die DDR spiele im Leben der Schüler offenbar keine Rolle, resümiert der Chefforscher weiter. Und die Medien melden die mutmaßliche Sensation unreflektiert in die Öffentlichkeit hinaus. Alle großen Nachrichtenverteiler sind dabei. Nachgefragt hat aber keiner.

In welchem Alter waren und aus welchen Schulformen kamen die Schüler? Und welche Kompetenzvermittlung sehen denn die Schulen zu dieser Frage vor? Unbeantwortet, aber nicht unwichtig. Ich habe mir die Mühe gemacht und den aktuell gültigen Lehrplan Geschichte für die gymnasiale Sekundarstufe 1 heruntergeladen und gelesen. Ich weiß natürlich nicht, ob die Befragungen an Gymnasien stattgefunden haben. Sollte dem aber so sein, wobei es in anderen Schulformen eher noch schlechter konzeptioniert sein wird, dann würden die Schüler erst gegen Ende der neunten Klasse mit folgendem „Inhaltsfeld“ konfrontiert worden sein:



11. Inhaltsfeld: Neuordnungen der Welt und Situation Deutschlands
Schwerpunkte:
– Aufteilung der Welt in „Blöcke“ mit unterschiedlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen
– Gründung der Bundesrepublik, Westintegration, deutsche Teilung
– Zusammenbruch des kommunistischen Systems, deutsche Einheit
– Transnationale Kooperation: Europäische Einigung und Vereinte Nationen


In diesem Inhaltsfeld geht es um die gesamte Nachkriegsgeschichte und nicht mal nur um die deutsche. Hier soll die internationale Blockbildung, die Geschichte der Bundesrepublik, die Geschichte der DDR, diejenige der USA und der Sowjetunion, die der NATO, sowie der gesamte Zusammenbruch des sozialistischen Systems, die Phase der europäischen Einigung, sowie auch noch die Historie der Vereinten Nationen behandelt werden.

Bitte? Wenn man jetzt noch bedenkt, dass ein gesamtes Inhaltsfeld maximal ein halbes (aber absolut maximal ein halbes) Jahr behandelt werden könnte UND dafür ZWEI Unterrichtsstunden pro Woche abzüglich der diversen Ausfallzeiten wegen Erkrankung, Fortbildung und keine Lust der Lehrer zur Verfügung stehen UND ein halbes Schuljahr sowieso kein halbes Zeitjahr ist, SOMIT für ein Inhaltsfeld round about 30 Stunden (!) zu belegen sind, dann muss man sich fragen, wie denn die Schülerinnen und Schüler bitte schön an ein fundiertes Wissen über die DDR gekommen sein sollen?

Fragt aber keiner. Ist das nicht merkwürdig?

[Bildquelle: pixelio.de | laberfischmann]

5 Gedanken zu „Knüller: Schüler in NRW wissen wenig über die DDR

  1. Vieles wird bzw. sollte eigentlich durch das Elternhaus vermittelt werden.
    Eine Stichprobe von 900 Schülerinnen und Schülern aus NRW dürfte, altersbedingt, sehr viele Jugendliche mit Migrationsuntergrund beinhalten.
    Das Wissen über Atatürk und dessen Rettung der Türkei vor deren gänzlichen Zerschlagung nach dem WK I., dürfte bei den meisten Jugendlichen aus der Stichprobe größer sein, als dies der Lehrpaln vorsieht – der Völkermord an den Armeniern selbstverständlich ausgeschlossen.
    Das gleiche dürfte für die zuvor für Berlin veröffentlichte Studie geltend gemacht werden.
    Es ist immer das gleiche Problem, wenn nur Teile der Studie veröffentlicht werden (von Forschern und/oder Medien) bzw. wenn diese in den Medien von den Fachjournalisten nicht kritisch bezüglich des Designs hinterfragt werden (dürfen?).
    Wer heute eine Studie mit Schüler/innen macht, der ist fast stets gut beraten, wenn er die Herkunft erfragt, auch wenn dies scheinbar nicht gewünscht ist.

  2. Das Problem liegt weder in der Zeit noch in den Personen. Das Problem liegt in der Reduktion jeglichen Stoffs auf die Frage „WOZU BRAUCHE ICH DAS?“, was den Kindern bereits in den frühesten Tagen als neueste pädophile pädagogische Erkenntnis eingebleut wird (später gibt die Gesellschaft dann die Antwort „für gar nichts! Wissen nützt dir nichts“). Die normalen kindlichen Fragestellungen „warum, weshalb, woher, … und dann?“ werden durch so was systematisch abgetötet. Was von vielen jungen Menschen am Ende der Schulzeit übrig bleibt, nennt mam im Fachjargon „frühzeitige Vergreisung“. Ich erlebe das fast täglich, dass sich 20-25-hjährige wie 75-85-jährige demenzgestörte verhalten, die nur mit Mühe Messer und Gabel auseinander halten können und keines eigenen Gedankens oder Gedankenprozesses mehr fähig sind. Traurig! Wie sollen Jugendliche bei der Schulprägung das intellektuelle Problem DDR überhaupt noch wahrnehmen und darüber reflektieren?

  3. Wozu braucht ein Schüler überhaupt „fundiertes Wissen über die DDR“? Die meisten können nicht einmal einen Dreisatz und da regen sich Leute auf wenn die nix über Dunkeldeutschland wissen, sehr seltsam.

  4. @Gilbert: Als ich mir gestern den Lehrplan durchlas, war ich ebenfalls der spontanen Frühvergreisung nahe.

    @KK: Auch eine vertretbare Position. Im Übrigen darf sogar die Frage erlaubt sein, warum Schüler überhaupt irgendetwas über die DDR wissen müssen sollten. Ganz unabhängig von der Feststellung bezüglich der Dreisatz-Kompetenzen…

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