Eine ganz normale Kiefer-OP

sollte es werden. Ich hatte noch gefrotzelt, als ich hörte, dass mein alter Freund drei Tage stationär gehen solle, bloß um zwei Zähne und eine Zyste aus dem Kiefer geschraubt zu bekommen. Eben erhielt ich seinen detaillierten Bericht, den ich Euch nicht vorenthalten will. Hier nun also der O-Ton mit ein paar Verixungen meinerseits:

Mein lieber Mann,

diese Kiefer-OP war vielleicht eine Tortur, kann ich Dir sagen.

Montag, 15.10.2007, 7.00 Uhr im Dxxxxxxxx Klinikum Nord – High Noon im nüchteren Zustand! Kein Bett im Hospital frei, da am Wochenende etliche Notfälle eintrudelten.

Etliche Patienten im Wartezimmer, u.a. einige, die Krebserkrankungen hatten. Sehr interessante (belastende) Gespräche mit meinen „Mitstreitern“.

Ca. 11.00 Uhr, also nach 4 Stunden Warterei: „Ziehen Sie sich schonmal dieses Nachhemd an und streifen sich den OP-Slip über, Sie werden gleich operiert. Hier nehmense schonmal diese beiden Tabletten.“

Nach dem Umziehen wird das Bett mit dem 85 kg schweren Inhalt Richtung OP gefahren – mir geht ein wenig der Zappen. Lauter blau gekleidete Figuren springen da rum. Vom Bett aus muss ich auf eine Pritsche umsteigen und meine Birne in einen Gummiring legen. „Legense Ihren Kopf so in den Ring, dasser bequem liecht.“

Ich werde in die OP-Schleuse überführt.

Zwei Riesenkerle stehen plötzlich vor mir; ich merke an: „Es geht um eine Kieferoperation, nicht dass mir versehentlich ein Bein amputiert wird.“ Man hat ja schon Pferde kotzen sehen…

Der eine dieser Typen aus dem Riesengebirge piekst mir den Katheter in die linke Hand und führt mir das Betäubungsmittel zu, der andere drückt mir eine Atemmaske auf die Nase, ich möge nun ganz tief in die Lunge einatmen. Ich denke: nun liegt alles in Gottes Hand, ändern kannste eh nix mehr – weg bin ich…

Gefühlte zwei Sekunden später (tatsächlich zwei Stunden später): ich liege im Aufwachraum – und muss pissen, wie ein Wallach! Die zuständige Schwester bringt mir eine Urinflasche, merkt jedoch gleich an, dass das bei den wenigsten Patienten klappt – sie hat recht…

Nach weiteren zehn Minuten werde ich auf die Station gefahren und kann endlich auf’s Klo, den zehnlitrigen Blaseninhalt ins Dxxxxxxx Kanalnetz pumpen.

Es geht mir gut. Ich stelle fest, dass ich einen Schlauch im rechten Nasenloch habe – aha, das besagte Nasenfenster, führt in die Kiefernhöhle.

Ich führe diverse Telefonate mit meinen Angehörigen – es geht mir ja gut.

Aufgrund der Bettenknappheit hat man mich zunächst in einem Zimmer eines Privatpatienten untergebracht. Alles schön ruhig und besonnen hier.

Am nächsten Tag schwillt dann meine rechte Wange an – normal. Antibiotika (intravenös), Schmerzmittel, Nasenspray und Eisbeutel werden gereicht – es geht mir immer noch relativ gut.

Eine Erkältung kündigt sich an, meine Nase ist verstopft.

Ich werde in ein 3-Bett-Zimmer verlegt; allerdings ist hier im Moment nur ein 35-jähriger Patient anwesend, der einen Jochbeinbruch hat. Ein gegnerischer Sportskamerad hatte ihm mit voller Absicht ins Gesicht getreten. Es wurden zwei Stahlplatten eingesetzt.

Wir unterhalten uns sehr angeregt und sehen ein wenig fern. Gegen 23.00 Uhr kommt wieder die Schwester mit der Antibiotika-Ampulle. Ich kann das zeuchs nicht vertragen; in meinem Darm brodelt es ohne Ende – ich bekomme Durchfall, lege den Dünnschlamm aber regelmäßig auf einem Besucherklo ab, um Unmut zu vermeiden.

Gegen 23.30 Uhr wird ein weiterer Notfallpatient eingeliefert – Arbeitsunfall, Fuß gebrochen. Die Operation findet noch in der Nacht statt, eine total bechissene Nacht zum schlafen…

Kollege „Jochbeinbruch“ wird am nächsten Morgen entlassen – es wird schlimmer…

Nach Abklingen des Schmerzmittels meldet sich mein Kiefer und meine Birne – Kopf- und Kieferschmerzen ohne Ende – ohne Einnahme von Schmerzmittel geht nix, mache ich nachts kein Auge zu. Es kommt noch schlimmer…

Ein weiterer Patient wird in das Zimmer hereingefahren, ungefähr mein Alter: völlig letargisch, zwei Schläuche in der Nase, unfähig sich zu artikulieren. Eine Ärztin unterhält sich mit ihm. Bruchstückhaft kann ich dem ärztlichen Monolog entnehmen, dass bei ihm die Lymphdrüsen entfernt wurden und dass der Krebs offenbar schon gestreut hat – „aber ihr Gefühl könne sie ja auch täuschen“. Ich denke: oh ha, jetzt wird’s hier immer toller“.

Im Gegensatz zu vorher denke ich: „das was Du hast, ist ja hier wie eine leichte Erkältung.“

Abends kommt die Ehefrau von dem Zimmerkollegen zu Besuch. Ich liege in meinem Bett und bekomme hautnah die Korrespondenz des Ehepaares mit. Sie hätte mit seiner Mutter gesprochen, jedoch nicht gesagt, dass er „Mmhh“ hat; sie solle ihn schön von seiner Mutter und seinen beiden kleinen Kindern grüßen und, und , und…

Das war zuviel für mich!

Ich raus aus dem Zimmer, in die örtliche Kantine gegangen und dort erstmal eine Stunde verweilt, damit sich die beiden ungestört unterhalten konnten. Als ich wiederkomme, ist die Ehefrau immer noch da und versucht die Situation ein wenig fröhlich zu gestalten – ich sage Dir, das war ein so beschissenes Gefühl…

Nächster Gedanke: Du musst hier so schnell wie möglich raus, sonst wirste noch wahnsinnig…

Am Dienstag gab’s eine Nasenspülung durch den angeschlossenen Schlauch – da hätte es mir bald das Gehirn zerissen, so scharf war das Zeuchs. Eine Stunde brauchte ich, um diese Dosierung innerlich zu verarbeiten. Auf meine Anfrage, ob’s da nicht eine andere Spülart gibt, bekam ich zur Antwort: „Klar, mit einer Kochsalzlösung“. Die nächste Spülung war dann vollkommen harmlos…

Am Mittwoch wurde der Schlauch, der zweifach in der Nase festgenäht war, aus der derselben entfernt. Für die zuständige Schwester war diese Entfernung das erste Mal, lief aber einigermaßen komplikationslos ab.

Donnerstag: es ist soweit; meine Entlassung steht an, obwohl ich mich in keinster Weise fit fühle – aber so ist das heute in den Krankenhäusern. Immer noch besser raus, als mir weiter dieses Elend reinziehen…

Ich rufe die Schwiegereltern an, die mich gegen 10.30 Uhr abholen. Um 11.30 Uhr bin ich zuhause. Schwiegereltern fahren nachhause – ich alleine.

Ich lege mich auffe Kautsch, um mich auszuruhen und meine dicke Backe mit Eis zu kühlen.

12.30 Uhr: ich schnelle von der Kautsch hoch, um mir etwas zu trinken zu holen; was ist das…???

Ein süßlicher Geschmack im Mund, er ist voller Blut! Ich fühle mit meiner Zunge nach, die Operationsnaht der drei gezogenen Zähne (inkl. Weisheitszahn, oben rechts) hat sich geöffnet – es blutet wie Sau.

Ich spucke den Mist ins Spülbecken in der Küche – alles rot…

„Wa machste jetzt, Du musst die Wunde verschliessen“. Küchenrolle abgerissen – zu groß, geht nicht. Ich ins Klo, Schüssel auf, wieder reingespuckt – alles versaut. Ein Stück Klorolle abgerissen, zusammengekneult und draufgebissen. Ran annen PC, Telefonbuch, Nxxxxxxxxx Nummer aufgerufen, angerufen.

„Wo sind Sie operiert worden?“ – „In Dxxxxxxx!“ – Dann müssen Sie nach Dxxxxxxx!“ – „Sind Sie verrückt, ich verblute hier gleich und soll jetzt wieder 50 km nach Dxxxxxxx fahren?“ – „Gut, kommen Sie gleich in die Praxis!“

Antje angerufen, die mich nach Nxxxxxxxx gebracht hat. Inszwischen hatte die Blutung aufgehört. Nxxxxxxxx hat mir eine weitere Überweisung nach Dxxxxxxx ausgestellt und wir wieder nach Dxxxxxxx in die Notaufnahme gefahren.

Der dortige Kieferchirurg bot mir an, die Wunde nochmals „überzunähen“. Mir war das recht, wenn ich nicht wieder in diese stationäre Aufnahme musste.

Da hat mir der Mann drei Spritzen in den Oberkiefer gesetzt, aber frag nicht nach Sonnenschein. Ich bin ja aus der Vergangenheit einiges an Zahnspritzen gewohnt, aber das war der Hammer – mir war das aber egal, Hauptsache ich musste nicht dableiben.

Fünf Minuten später nähte der Mann fünf Kilometer Faden in den Oberkiefer – ich habe nix mehr gemerkt.

Nach dieser Aktion sah ich aus, wie ausgesaugt und so habe ich mich auch gefühlt – total fettich.

Bis einschl. Freitag war ich erstmal krankgeschrieben. Vorher hatte ich mich schon erkundigt, an welchen Arzt ich mich im Falle einer weiteren AU wenden muss – nämlich meinem Zahnarzt.

Wie es kommen musste: Montagmorgen, Kopf- und Kieferschmerzen ohne Ende – AU vom Zahnarzt bis einschl. Dienstag.

Dienstag, immer noch Pinne ohne Ende – krankgeschrieben bis einschl. Donnerstag.

Donnerstagmorgen nach Dxxxxxxx gefahren zum Fäden ziehen. Um 8.40 Uhr war ich da, 20 Minuten später saß ich auf dem Stuhl des bekannten Kieferchirurgen. Die Fäden hat er wieder in der bekannt brutalen Art gezogen…

Um ca. 11.00 Uhr war ich wieder zuhause und nach einiger Zeit ließen doch tatsächlich die Schmerzen allmählich nach. Zum ersten Mal seit meiner Entlassung brauchte ich keine Paracetamol mehr nehmen. Heute Nacht habe ich gut durchgeschlafen und war heute wieder im Büro.

Ich will mal hoffen, dass es jetzt langsam bergauf geht, aber die vergangen zwei Wochen werde ich wohl so schnell nicht vergessen. Insgesamt habe ich ca. 6 Kilo abgenommen, da ich bis dato nur Suppen und Kaltschalen zu mir genommen habe,

Dies mal zum Thema Kiefernzyste entfernen.

3 Gedanken zu „Eine ganz normale Kiefer-OP

  1. horror!
    Kenne ich! In ähnlicher form und dauer habe ich es auch schon hinter mir. Ich war nur etwas mutiger: ging kurz danach, als alle „abflüsse“ entfernt waren, einkaufen, stehe an der kühltheke, hole meinen geliebten camenbert, halte ihn in der hand und denke die packung sieht aber blutig aus, will sie auf den rand legen und eine/n verkäuferin/er suchen, da löst sich ein tropfen Blut aus meinem rechten nasenloch. Wow, denke ich, das ist ja dein blut…
    Aber: die spritzen und das ziehen der wundfäden wurde sehr behutsam durchgeführt…

  2. Vor knapp 10 Jahren habe ich just das gleiche Spielchen auch gemacht. Eine Zyste musste aus dem Oberkiefer gegraben werden, dabei wurden zwei Zähne und ein Teil des Kieferknochens entfernt. Das Ganze fand unter Vollnarkose, aber ambulant in der Praxis des Chirurgen statt. Morgens um halb neun lag ich unterm Messer, um halb zehn wurde ich wieder wach und nach Hause entlassen. Mittags saß ich daheim vor einem Teller Suppe. Schmerzen hatte ich weder am OP-Tag noch danach jemals. Ob’s daran lag, dass ich damals noch privat versichert war?

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