Eigennützige Uneigennützigkeit

In den USA und in England gibt es das schon. Junglehrer können sich nach ihrem Uni-Abschluss freiwillig in den Dienst an der Gemeinschaft stellen und an Problemschulen lehren. Die Nachwuchskräfte verstärken die festangestellten Teams in den Bildungsghettos auf Aushilfsbasis. Einsatzorte sind die übelsten Ecken. Trotzdem können sich die Programme „Teach for America“ (USA) und „Teach First“ (GB) vor Bewerberinnen und Bewerbern nicht retten. Warum?

Es sei so schön, vom übelsten Schläger der Schule am Jahresende ein Geschenk oder ein Lob zu bekommen, fabuliert die eine oder der andere. Und auch wenn von anfangs 30 Schülern am Ende nur noch 12 regelmäßig kommen, so sei es doch toll, wenn davon dann sogar zwei einen Abschluss schaffen. Idealisten, denkt der durchschnittliche Betrachter voller Bewunderung. Das sind doch Lehrer, wie man sie sich wünschen muss. Und ich will im Grunde den Verdienst dieser sicherlich auch teils idealistischen Lehramts-Enthusiasten nicht über Gebühr schmälern.

Tatsache ist aber auch, dass es einen Überschuss an LehramtsanwärterInnen gibt. Im harten Wettbewerb um die Stellen muss man sich ein Profil erarbeiten, das dann im Lebenslauf auch einige Durchschlagskraft entfaltet. Was ist da besser geeignet, als der bescheinigte Nachweis besonderer Belastbarkeit und Erfahrung im Umgang mit schwerster Klientel? Entsprechend zeigt sich in USA und GB mittlerweile auch ganz tatsächlich, dass es die im Programm tätigen Lehrkräfte leichter haben, in Festanstellungen zu gelangen. Manch einer spricht gar von einem „Karriereturbo“.

Steht zu hoffen, dass die Auswahlgremien in den einschlägigen Projekten zu differenzieren wissen, wer wirklich soziales Engagement einbringen will und wer bloß auf den Karriereeffekt hofft. Denn ohne echtes persönliches Anliegen gerät der Hilfsunterricht bestenfalls wie der, der ohnehin schon stattfindet. So verbesserte man dann zwar die Chancen der Lehrkräfte auf Festanstellung, nicht aber die Chancen der Schüler auf einen Abschluss.

4 Gedanken zu „Eigennützige Uneigennützigkeit

  1. Ich weiß nicht so recht, ob man so was tatsächlich für gut halten soll. Letzten Endes sind dem Staat die Ghetto-Kids offenbar „schiet-egoal“, denn mit 30-40 Schülern/Lehrer lässt sich in Problembereichen nichts lösen. Statt Geld reinzustecken, wie das bspw. in Finnland passiert, führt so was nur zu noch mehr Geldeinsparen. In 1-2 Jahren wird dann so ein mies bezahltes „soziales Jahr“ Pflicht und noch mehr reguläre Kräfte abgezogen, womit die Unterrichtssituation dann wieder am Anfang angekommen wäre.

    So was ähnliches gibt’s hier im Sozialbereich auch, z.B. Kindergärtner: früher Lehrberuf, nach dem Realschulabschluß durchführbar. Heute: 1 jähriges Pflichtpraktikum in verschiedenen Bereichen (in der Regel nicht bezahlt), 1 Jahr FOS, 3-4 Jahre Studium mit diversen Praktika (Kosten ca. 1400 Euro/Jahr Studiengeb. + Unterkunft statt Ausbildungsvergütung wie früher), nochmals 1 jähriges Praktikum mit ca. 1/3 der Berufsvergütung bei vollem Einsatz wie normal bezahlte Kräfte.

    Ich halte das für eine unglaubliche Abzocke des Staates, der junge Leute 3-5 Jahre länger als früher massiv auf der Tasche der Eltern liegen lässt und durch mehr oder weniger unbezahlte Arbeit reguläre Stellen einspart.

  2. Ich gebe Dir insofern Recht, als ich ebenfalls glaube, dass es dem Staat sehr gefallen wird, wenn sich sowas auch in Deutschland etabliert. Bloß weil sich unsere Politiker gern egelgleich an was festsaugen, ist aber die Idee nicht in sich schlecht.

  3. Ich bin trotzdem recht skeptisch. Der Lehrerberuf steht inzwischen ziemlich einsam an der Spitze, was vorzeitige Pensionierung wegen psychisch bedingter Berufsunfähigkeit angeht. Das soziale Engagement wird zwar bei vielen vorhanden sein, aber es macht die Leute nervlich ziemlich schnell kaputt, wenn sie keine oder kaum Anerkennung bekommen, was besonders in den Problemgebieten der Fall ist. Bei den Leuten, die mit Begeisterung ein Fach vertreten wollen, aber statt dessen meist was auf die Schnautze bekommen, ist die Gefahr doch recht groß, dass sie nach diesem „Praktikum“ als ziemliche Zyniker an vernünftigen Schulen ankommen, und damit ist sicher auch niemandem gedient. Ich kenn da einige Fälle, die recht pessimistisch stimmen.

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