Gewissensfragen

Unter seinen Füßen spürt er die angenehme Wärme von der Sonne aufgeheizter Felsen. Der Himmel beginnt sich zu färben, am Strand sind kaum noch Menschen. Wie immer, wenn er nah am Abgrund steht, fragt er sich, wieso in diesem Land, in dem es keine Sicherungspflicht wie in Deutschland gibt, dennoch nie einer abstürzt. Ein Gedanke, der ihn jedesmal schwermütig ob der Regelungsdichte der gründlichen Deutschen werden lässt.

Bis zu seinem nächsten Termin, DEM Termin des Tages, am Flughafen ist noch Zeit und so beschließt er, zum Strand hinab zu klettern und an der Wasserlinie einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Ein laues Lüftchen umspielt seine Beine. Es ist ein perfekter Tag voller Vorfreude gewesen und wie es aussieht, kann ihm den keiner mehr versauen. Morgen wird er mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Mädchen einen Ausflug an die Nordküste unternehmen. Er freut sich schon darauf, seiner Familie die Insel zu zeigen, die er bereits so lange kennt. Er freut sich auf den Ausdruck kindlichen Staunens im Gesicht seiner Vierjährigen und die Begeisterungsrufe ihrer sechsjährigen Schwester. Der Gedanke befriedigt und schmerzt ihn zugleich.

Endlich werden sie wieder alle zusammen sein. Wie lange ist es her, seit sie zuletzt Zeit füreinander hatten? Wie lange ist er jetzt schon beruflich auf dieser zwar schönen, aber mangels Bekannter und Verwandter doch sehr einsamen Insel? Seit beinahe sechs Monaten arbeitet er mit den europäischen Partnern unter höchster Geheimhaltungsstufe an einer Software, die eine neue Ära der Überwachungstechnologie einleiten wird. Bundestrojaner? Ha, ein Lachnummer. Ethische Bedenken beschleichen ihn, wie so oft. Er beschließt, sich gedanklich auf die Ankunft seiner Familie zu konzentrieren. Schließlich ist es nun einmal sein Job, Software zu entwickeln, nicht etwa zu beurteilen, ob diese Software überhaupt entwickelt werden sollte.

Möwen kreisen hoch am Himmel und stoßen ihre charakteristischen Schreie aus. Die Wellen streicheln den Strand. In den letzten Tagen hat die Luft gestanden, das Meer sich zu einer Art Badewanne entwickelt. Ideal für meine Kleinen, grinst er bei der Vorstellung, wie seine Kinder vergnügt das Meer durchpflügen und seine Frau und er entspannt von der Liege aus zuschauen können, ohne sich um Strömungen und Wellengang Sorgen machen zu müssen.

Mittlerweile müsste die Maschine bereits in der Luft sein. Er rechnet die Zeit bis zur geschätzten Ankunftszeit aus und beschließt, so langsam zurück zum Auto zu gehen und die einstündige Fahrt zum Flughafen zu beginnen. Dort gibt es ein hervorragendes Restaurant mit Blick auf die Einflugschneise. Er würde seiner Familie bei deren Landung zuwinken.

So eine Klimaanlage ist ein wahrer Segen, denkt er, als er in den aufgeheizten Wagen steigt. Er gibt Gas, eine Staubwolke steigt hinter ihm auf und weht auf’s Meer hinaus. Aus dem Radio dringen aufgeregte Stimmen. Es ist sehr leise eingestellt und so werden die Stimmen von den Reifengeräuschen auf dem losen Geröll und dem Rauschen der Klimaanlage übertönt.

Nach einer Weile hat sich das Fahrzeug nahezu auf Kühlschrankniveau abgekühlt. Er schaltet die Klimaanlage ab. Himmlische Ruhe, denkt er. Hätte ich doch eine Klimaautomatik gekauft. Die wäre zwar ein bisschen teurer gewesen, aber hätte mir nicht nur die Wahl zwischen Ein oder Aus gelassen. Er mag es generell nicht, wenn er vor klare Alternativen gestellt wird. Seine Frau pflegt ihn damit aufzuziehen. Arbeitest den ganzen Tag mit Null und Eins, kannst Dich aber nicht zu einem klaren Ja oder Nein durchringen. Du bist mir vielleicht ein Informatiker!

Es dauert eine ganze Weile, bis er endlich bewusst Geräusche wahrnimmt. Ärgerlich wegen dieser Störung seiner Gedankenwelt greift er Richtung Radio, um es abzuschalten, als er “übergesetzlicher Notstand” und “Jung übernimmt die Verantwortung” hört. Meine Güte, denkt er, sind die immer noch nicht durch mit diesem Thema? Ist doch klar, dass man Flugzeuge abschießen muss, wenn man dadurch einen Terroranschlag verhindern kann.

Er will gerade endgültig auf Power Off drücken, als eine offensichtlich aufgeregte Nachrichtensprecherin etwas von “Katastrophe”, “200 Toten” und “Flughafen Düsseldorf” durch den Äther schickt. Ihm wird kalt, als er reflexgesteuert die Lautstärke hochdreht. Er fährt rechts ran und lauscht wie betäubt der Sondersendung seines Lieblingsradiosenders.

“Am heutigen Abend kam es zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik zu einem Militäreinsatz gegen ein ziviles Zielobjekt. Kurz nach dem Start des Condorfluges DE 3894 nach Palma übernahm eine Gruppe Terroristen das Kommando und befahl den Piloten, Kurs auf Berlin zu nehmen. Die untereinander arabisch sprechenden Männer wollten mit dem Airbus A 320 offenbar das aufgrund einer Sondersitzung voll besetzte Reichstagsgebäude angreifen. Nachdem sämtliche Kontaktaufnahmeversuche zwischen den Sicherheitsbehörden und den Entführern gescheitert waren, verfügte Verteidigungsminister Jung den Abschuss des Flugzeuges zum Schutz der Berliner Zivilbevölkerung. Er berief sich dabei auf den übergesetzlichen Notstand und übernahm persönlich die volle Verantwortung für den Abschussbefehl. Kurz darauf stiegen mehrere Abfangjäger der Bundeswehr auf. Nur etwas weniger als eine halbe Stunde nach ihrem Start wurde Flug Condor DE 3894 in der Nähe der Stadt Eisleben abgeschossen. Alle 180 Passagiere der vollbesetzten Maschine kamen dabei ums Leben. Aktuellen Schätzungen zufolge wurden zusätzlich am Boden mindestens zwei Dutzend Menschen von Trümmerteilen erschlagen, sowie etliche Gebäude zerstört.”

Es war ihm bereits klar gewesen, als er die Kälte im Nacken gespürt hatte. Er würde seine Familie nie wiedersehen. Sie hatten den Flug DE 3894 genommen. Seine Vierjährige hatte ihm die Buchstaben und Zahlen gestern abend telefonisch und voller Stolz darüber, dass sie sich schon sowas kompliziertes merken kann, auf einen Zettel diktiert. Er hatte sie überschwänglich gelobt, beide spürten in diesem Moment das innige Gefühl der Liebe zueinander, welches nur Eltern ihren Kindern und Kindern ihren Eltern gegenüber erlebbar ist. Es ist vorbei. Du wirst sie nie wiedersehen. Der Schock der Erkenntnis macht ihn bewegungsunfähig und zwingt ihn so, der Radiosprecherin weiter zuzuhören.

“Mittlerweile steht fest, dass die Entführer tatsächlich nicht vor hatten, das Flugzeug auf das Reichstagsgebäude zu lenken. In E-Mails, die dem Sender Al-Jazeera unmittelbar nach dem Abschuss zugespielt wurden, kündigten die Entführer an, man wolle den Feind mit den eigenen Waffen schlagen. Der Feind solle die Menschen selber töten, in der Annahme, damit andere schützen zu können. Keiner der Entführer wäre auch nur in der Lage gewesen, ein Passagierflugzeug zu fliegen. Verteidigungsminister Jung erklärte nach Bekanntwerden dieser Informationen seinen sofortigen Rücktritt und wurde zwischenzeitlich in Untersuchungshaft genommen. Der deutsche Bundestag unterbrach seine Sondersitzung und will zur Stunde darüber beraten, wie man künftig der terroristischen Bedrohung in Deutschland begegnen will. Bundeskanzlerin Merkel sprach den Opferfamilien ihr tiefes Mitgefühl aus und versprach unbürokratische Hilfe.”

Den letzten Satz hört er nicht mehr. Der Arzt stellt einige Stunden später Tod durch Herzversagen fest. Er habe wahrscheinlich die Hitze nicht vertragen. Sowas passiert jeden Tag…

[Update: Wer sich für die Geschehnisse in der entführten Maschine interessiert, lese bitte hier weiter!]

18. September 2007 von D. Petereit
Kategorien: Alltägliches, Featured, Politik/Wirtschaft, Short Stories | 89 Kommentare

Kommentare (89)

  1. So könnte es bald gewesen sein.

    Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich es als saustarken Text bezeichnen.

  2. Jo, saustark.

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  4. In E-Mails, die dem Sender Al-Jazeera unmittelbar nach dem Abschuss zugespielt wurden, kündigten die Entführer an, man wolle den Feind mit den eigenen Waffen schlagen. Der Feind solle die Menschen selber töten, in der Annahme, damit andere schützen zu können.

    So wäre das westlich-rationale Denken bzw. eine daraus abgeleitete Taktik.

    Eine Taktik den Feind zu überwinden ist die “Übernahme seiner Denkweise”* – und diese ist, im vorliegenden Fall, eben nicht westlich-rational.
    (*wird gerne als “emotionale Intelligenz”, also Empathie durch Perspektivenwechsel bezeichnet.)

    Wir haben schon einmal eine ähnliche Diskussion gehabt, lieber Dieter, erinnerst Du Dich?
    Im Verlauf der Diskussion wurden wir uns u.a. einig, daß die Denkweisen verschieden sind.

  5. Und wieder einmal mache ich mir Gedanken darüber,ob genau so,vom Ablauf Deiner Geschichte her,eines Tages ein möglicher atomarer Erstschlag stattfinden könnte-und wie das verhindert werden kann.

  6. Ein sehr schöner Text, von dem ich mir wünschen würde, dass er in großen Tageszeitungen abgedruckt würde, auf das ihn möglichst viele Menschen lesen…

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  8. Klasse.

    Und hierfür,

    “Arbeitest den ganzen Tag mit Null und Eins, kannst Dich aber nicht zu einem klaren Ja oder Nein durchringen. Du bist mir vielleicht ein Informatiker!”,

    kannste glatt Kohle verlangen. Großunartig!

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  10. Zwischendurch mal ein herzliches Danke für die Blumen an alle Floristen unter Euch. :grin:

    @Wilhelm: Wieso Diskussion? Ist doch nur eine Geschichte, Fiktion, geradezu. :cool:

    @Klaus: Das klingt gut. In Gedanken klimpern schon die Dublonen. :mrgreen:

    @Kublai: Wieviel bietest Du denn?

    @Freedom: Ich finde den Gedanken an den Abschuss eines Flugzeugs schon erschreckend genug. Da mache ich mir über atomare Erstschläge lieber keine Gedanken. :shock:

    @Jolly: :mrgreen: Some people are hard to be categorized.

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  12. Tja Herr Petereit,darum versagen ja auch so viele Politiker in ihren Ämtern,denn von Weiterdenken oder von vorausschauender Politik,hat noch nicht jeder etwas gehört.Ich bitte um Entschuldigung,dass ich es wagte,mir Gedanken über einen Flugzeugabschuss hinaus zu machen,aber manchmal schleichen sich solche Gedanken eben ein,wenn ich solche Geschichten lese.Ich ziehe zumindest,im Gegensatz zu einigen Politikern,weiter Schreckszenarien in Erwägung.

  13. Alter, Wilhelm, kannst Du nicht bei einem ergreifenden Text einfach mal mit allen schweigen? Musst denn immer wieder gleich losklugscheißen?

    Schreibs doch auf ne Postkarte, wenn Du was weißt und häng die Postkarte an Deine Pinnwand. Aber hör doch mal auf, ständig mit den Fingern zu schnipsen.

  14. @Freedom: Nein, für Entschuldigungen ist keine Not. Ich scheue lediglich die Fortführung der Gedanken in noch gruseligere Szenarien. Ich verurteile aber doch nicht die Weiterdenker. :shock:

  15. @dieter petereit:
    Da bin ich beruhigt, daß Du Fiktion von Ralität zu trennen weißt und den Bezug zur letzteren nicht verloren hast.

    @pantoffelpunk:
    Ich habe just gestern meine alte LP von den Sex Pistols ausgegraben und meinen, eigentlich doch recht anarchisch-rebellisch fragenden Geist meiner Schulzeit wiederentdeckt.
    Daß jetzt ausgerechnet Du kein Verständnis für die kritischen Fragen aus der hinteren Schulbank im Deutschunterricht zu besitzen scheinst, das befremdet mich, Herr Stabsoberstudienrat.

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  19. @Wilhelm: Ein Anfang wäre gemacht, wenn Du bei Gelegenheit einsehen könntest, dass Deine Sicht der Dinge nicht stets und ständig die Realität widerspiegelt. (Dies mal grundsätzlich. Nichts für ungut.)

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  22. @dieter petereit :

    Schade, daß selbst Du nicht zu verstehen scheinst, worin der Unterschied zwischen dem WIE (wie komme ich zu Aussagen) und dem WAS (eine Meinung oder Aussage) besteht.

    Meine, an Deine Fiktion gerichtete Kritik galt dem WIE und nicht dem WAS.

    Zum anderen kann mir’s recht sein. Als Psychologe verdient man ganz daran, daß Menschen solche Dinge nicht zu trennen wissen.

  23. @Wilhelm: Dann mache ich es mir mal so einfach, wie ich glaube, dass es ist: Solange das WAS korrekt/akzeptabel/wasimmer ist, kann mir das WIE schnuppe sein. So spare ich mir viel Geld für den Psychologen und ich glaube, Millionen anderer Deutsche machen es genauso. :mrgreen:

  24. @dieter petereit:

    Deine Entscheidung, welche für Dich zu akzeptieren ist.
    Ich akzeptiere inzwischen auch Leute, welche zu kurpfuschenden Schamanen gehen oder ihre Kinder nebulösen Schulmethoden aussetzen.

    …und ich beginne zu akzeptieren, daß Menschen zwar Lösungen für ihre Probleme (auch miteinander) erfragen, aber die Antworten nicht hören wollen.

  25. @Wilhelm: Press rewind and play it again, Sam. Ich komme nicht mehr mit.

    Übrigens: In meiner Geschichte sprachen die Entführer untereinander arabisch. Ob es aber Araber waren oder nicht vielleicht doch Fritz und Daniel wird nicht aufgeklärt. Wären es nun Fritz und Daniel, wäre Dein Argument hinsichtlich der Taktik definitiv falsch. Wie es übrigens auch dann falsch sein kann, wenn man davon ausgeht, dass die Entführer keine inzestuös gezeugten ostanatolischen Schafhirten gewesen sind.

    Aber, das willst Du ja im Grunde gar nicht hören…

  26. Pingback: Zapps Blog

  27. Gänsehaut erzeugende Lektüre!

  28. Pingback: Liebe Tötungsmaschinen Politiker der Union auf F!XMBR

  29. Interessanter Text, und sicherlich geeignet das Nachdenken über das sehr schwierige Thema anzuregen.

    Dennoch möchte ich mal eine andere Variante der Geschichte in den Raum stellen : diesmal ist der Sohn des Menschen mit dem Radio mit seiner Schulklasse ins Fussballstadion gegangen. Sie sehen ein Spitzenspiel und das Stadion ist voll besetzt. Die Entführer sind diemal keine gewitzten Intellektuellen die den Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen wollen, sondern … ja, Terroristen halt, die soviele Opfer wie möglich produzieren wollen. Und zwar indem sie das Flugzeug ins Stadion fliegen lassen. Der Kurs den das Flugzeug dorthin nimmt führ über ein grosses unbewohntes Gebiet, Abfangjäger fliegen hinterher und schauen zu wie 40 – 60 Tausend Menschen umkommen. Das Flugzeug wurde nicht abgeschossen weil man bis zum Einschlag mit einem Einlenken der Terroristen gerechnet hat, denen freier Abzug, neue Identitäten und ein bischen Bargeld versprochen wurde.

    Der Mensch mit dem Radio ist jetzt sicher froh dass keiner die harte Entscheidung zum Abschuss getroffen hat und stirbt daher nicht.

    Definitiv, ich möchte die Entscheidung über die Möglichkeit eines Abschusses, geschweige denn über einen konkreten Abschuss nicht treffen. Aber so einfach wie es sich einige hier machen ist es ja dann doch nicht.

  30. Pingback: onezblog - Junge Schäubletten im Reichstag

  31. @ Horst

    Du bist doch wohl kein Feind der Verfassung? :mrgreen:

  32. Schöne, traurige Geschichte!

    Horst: Auch wenn die “Terroristen” auf ein vollbesetztes Stadion zufliegen macht das den Abschuß nicht besser. Bei dem einen geht es um Mord seitens Dritter, beim anderen um Mord seitens der Regierung. Letzteres finde ich persönlich schrecklicher!
    Und einfach kann man es sich trotzdem machen; ordentliche Cockpittüren würden da fürs Erste schon mal mehr helfen. Auch ein Notfallautopilot der automatisch einen Flughafen ansteuert und landet wäre gut – einhergehend damit eine Sperrung der Steuerung. Vielleicht auch eine Fremdsteuerung von einem Flughafen aus? Technik sollte es möglich machen.

  33. @ Samthammel

    Genauso siehts aus!

    Autopilot, gibts.

    Automatisches Landesystem, gibts.

    GPS, gibts.

    Und da soll es keine Möglichkeit geben ein Flugzeug vom Boden aus fernzusteuern? Immerhin behaupten einige das hätte schon einmal geklappt…

  34. @Kublei : ich? niemals! :cool:

    @Samthammel : ok, mit Deiner rechtlichen Abgrenzung hast Du recht. Für den Fall der Fälle müsste sich dann konsequenterweise jemand vor die Angehörigen der X-Tausend Opfer stellen und sagen “Tut uns leid, aber unsere moralische Integrität hat uns einen Eingriff nicht erlaubt! Wir wussten was sie wollten, wir waren vorbereitet – aber gedurft haben wir es nicht.”. Klar darf man nicht die potentiellen Opferzahlen gegeneinader aufrechnen um zu einer Entscheidung zu kommen, aber eine solche Rechtfertigung für ein Nichteingreifen kommt in der Realität doch auf sehr wackligen Beinen daher.

    Deine Anmerkungen zu den Sicherheitsmodifikationen: Für einige Fälle würde das evtl. eine Verbesserung bringen. Ich bin mir im Moment nicht sicher ob nicht neue Sicherheitslecks auftreten mit einem isolierten Cockpit. Was die Fernsteuerung angeht ist das sicher eine gute Idee. Letztendlich muss aber davon ausgegangen werden dass auch ein solches System überwunden werden kann. Dann stehst Du vor derselben Entscheidung.

  35. @Horst: Auch wenn das vor den Angehörigen doof aussieht, ich bin nicht dafür daß der Staat Opfer macht – das ist meine Meinung.
    Zu der Technik kann ich nur sagen daß dies das übliche Wettrüsten zwischen Räuber und Gendarm ist. Weißt du, in ein paar Jahren müssen Flugzeuge vielleicht nicht mehr per Pilot gesteuert werden sondern werden aus Zentralen von der Erde ferngesteuert – während Computer an Bord den Rest machen. Dann hat man das Problem daß halt diese Zentralen angegriffen werden. Was willst du mir denn jetzt sagen? Die perfekte Lösung ist dann vorhanden, wenn keiner mehr Verbrechen begeht – also utopisch. bis dahin bleibt es halt ein gegenseitiges Übertrumpfen in Sicherheitskonzepten und deren Umgehung. Außerdem mal ganz ehrlich, wer sagt daß man vor dieser Entscheidung steht ob man abschießen soll? Niemand wird wohl jemals zugestimmt haben daß andere über ihr Leben verfügen dürfen – ergo ist eher die Frage diskussionswürdig ob man überhaupt die Verantwortung übernehmen darf abzuschießen! Und da sage ich “Nein”. Für den äußerst seltenen Fall daß ich in der Luft unterwegs bin möchte ich nicht abgeschoßen werden.
    Wenn man stattdessen den Terroristen an Bord jede Möglichkeit nehmen würde auf den Kurs Einfluß zu nehmen wäre wenigstens schon einmal ein Problem gelöst – und das ist sofort umsetzbar mit vorhandener Technik. Also?

  36. Mit ist schlecht….
    Toller Artikel!

  37. @Samthammel: Man steht vor dieser Entscheidung wenn die Situation eintritt: Flugzeug ist entführt, es nimmt Kurs auf ein Objekt mit Opferzahlen die die eines Abschusses um ein vielfaches übersteigen und man hat die Möglichkeit einen solchen Abschuss durchzuführen. Jemand (dummerweise wären das wohl unsere Politiker) MUSS die Verantwortung für oder gegen einen Abschuss übernehmen. Da wird nicht nach gefragt.

    Schon klar dass Du nicht abgeschossen werden möchtest. Wer will sowas schon. Aber ich tippe mal Du wirst auch nicht in diesem Stadion sitzen wollen …

    Wo ziehst Du die Grenze bei dem was der Staat an Unrecht nicht begehen darf um Menschenleben zu retten? Bei Mord, der es auch meiner Meinung nach wäre? Oder bei jeglichem Unrecht? Was ist z.B. mit Lösegeldzahlungen? Finaler Rettungsschuss?

    Ich kenne mich mit Flugzeugtechnik leider nicht ausreichend aus. Aber ist es damit schon getan einfach eine dickere Wand und ein besseres Schloss einzubauen? Müsste nicht auch eine separate Strom- und Sauerstoffversorgung usw. eingerichtet werden um das effektiv zu machen?

  38. @Horst: Mal raus mit der Sprache: Wo setzt Du denn an? Nach Lebendgewicht? Wenn Du draußen einen mehr retten kannst, der ansonsten vielleicht stürbe, schießt Du den Flieger ab, oder wie? Oder müssen es schon ein paar mehr sein, vielleicht doppelt soviele? Darfs ein Pfund mehr sein? Ich finde das unerträglich!

    Abgesehen davon habe ich so langsam die Schnauze voll von diesen Stadionszenarien. Selbst wenn es einer schaffte, in ein Stadion zu fliegen und selbst wenn das Stadion vollbesetzt wäre (sind ja immer ausverkauft und natürlich gibt es auch keine Evakuationspläne), würde das Flugzeug nicht das ganze Stadion in die Luft bomben. Das Loch im Pentagon war meiner Erinnerung nach um die 30 Meter breit. Und das Pentagon ist nicht explodiert. Getötet werden im unwahrscheinlichen Falle, dass in Deutschland Terroristen ein Flugzeug in ein Stadion lenken, was ungleich schwieriger als das Treffen von Wolkenkratzern ist, niemals 60.000, sondern im schlimmsten Falle wenige Hundert. Und das auch nur, wenn im Stadion kein Notfallplan greift und der Terroristenpilot auch tatsächlich trifft, was nach Aussage von Luftfahrtexperten selbst für erfahrene Piloten gar nicht so einfach ist.

    Schön auch, dass Deine Argumentation die Technik so außen vor lässt. “Kenne ich mich nicht mit aus, schieß mal lieber ab.”

    Vor solchen Leute wie Dir habe ich persönlich mehr Angst als vor dem imaginären Terroristen.

  39. @dieter petereit:
    Für eine angemesse Antwort, welche Dich persönlich widerlegt, müßte ich indiskret werden.
    Aber “Der Bekloppte” sagt mir, daß ich Indeskretionen nicht tue.

    Nochmals zur Sache
    Mr. Spock: “That is wise. Were I to invoke logic, however, logic clearly dictates that the needs of the many outweigh the needs of the few.”
    aus: “Star Trek II: Der Zorn des Khan” und ich logge mich hier aus, “Energie!”

  40. Solche Artikel sind der Grund warum ich so gern hierher komme

  41. also mal im ernst es ist zwar ne nette geschicht aber halt sehr unrealistisch und es gibt nunmal bei vielen sicherheitsfragen einzelfälle wo es halt nachteile gibt.
    ich bin zwar auch gegen das abschießen von den flugzeugen aber dafür hab ich zumindest andere argumente

  42. @ Horst ,
    bei einer Größenordnung von 40 – 60 Tausend Menschen,die ihr Leben hätten lassen müssen,
    hätte ich den Abschuss des Flugzeuges zugelassen,wenn ich die Entscheidung hätte treffen müssen.Ich hätte die volle Verantwortung und die Konsequenzen für meine Entscheidung übernommen.So eine Entscheidung hätte ich natürlich nur getroffen,wenn KEINE Möglichkeiten bestanden hätten,das Flugzeug technisch zu beeinflussen.
    Ich hätte in Deinem geschilderten Fall,sehr wohl die Opferzahlen für meine Entscheidung zu Grunde gelegt,was denn wohl sonst?
    Natürlich hätte ich mich des Mordes schuldig gemacht,und ich hätte Menschen geopfert,aber ich hätte diese Entscheidung getroffen,wenn sie hätte getroffen werden müssen.
    Und nun könnt ihr über mich herziehen.

  43. @ Wilhelm

    Bitte nicht, ich dachte zumindest Du hast Deine Bildung nicht aus dem Fernsehn.

    @ dieentebertram

    Recht haste, genauso unrealistisch wie zwei Flugzeuge die ins World Trade Center knallen.

    @ Freedom

    Du kannst Deine “Freiheit” gerne behalten, die will ich nicht, zu paradox und unfreiheitlich.

    Wenn Du jetzt aber das Flugzeug abballerst und es knallt dann statt in ein Stadion doch lieber in den Reichstag oder nur ein Kurhotel auf Rügen und stell Dir vor in dem “unschuldigen” Hotel sterben dann 2 Leute mehr als in dem Flugzeug saßen, was dann, trittste dann zurück?

    Da musste nochmal genauer nachdenken.

    @ All

    Aber ich warte immernoch auf das Totschlagargument der Hardliner, “Denkt doch mal an die Kinder”, wenn jetzt ein Airbus auf einen Kindergarten zurast (egal ob wegen technischer Probleme oder V-Männern mit Teppichmessern oder “richtigen” Terroristen) dann ist abschiessen doch OK, oder stell Dir vor Deine eigenen Kinder wären bedroht, dann, ja dann würde auch der letzte Gutmensch “den Knopf drücken”.

  44. @dieter petereit: so, da findest Du das also unerträglich. Na dann hör lieber auf drüber nachzudenken. Das will ja keiner… aber warum schreibst Du dann so einen Text?

    Ich kann mich gar nicht erinnern behauptet zu haben ich hätte die richtige Antwort bzw. eine Formel die einem anzeigt ob man lieber schiesst oder lieber abwartet. Weisst Du, es gibt viele Dinge im Leben bei denen es einem unangenehm ist darüber nachzudenken. Wann habe ich genug versucht einen Menschen zu reanimieren? Ist das evtl. abhängig von seinem Alter? Von seiner Krankengeschichte? …? Wann bezeichne ich das Abschlachten von Menschen als Völkermord? Wann sind es nur Stammesfehden? Findest Du das auch unerträglich? Ein Glück gibt es Menschen die sich vorher Gedanken darüber machen, damit nicht jeder ein überraschtes Gesicht machen muss wenn es soweit ist!

    Das wäre mir auch neu wenn das Pentagon aus dem gleichen Material ist wie ein handelsübliches Stadion. Und warum ein solches schwerer zu treffen sein soll als ein Wolkenkratzer will mir auch nicht einleuchten. Das ist aber auch unerheblich, denn das Beispiel kann ja beliebig variiert werden. … Notfallplan, geile Idee. Das funktioniert auf jeden Fall. Hat man ja oft genug bei Feuer, Krawallen o.ä. erlebt.

    Für Dich gibt es also keinerlei Rechtfertigung für einen Abschuss. Gut. Aktzeptiert. Auch wenn Du 20 Menschen in der Maschine hast und 1 Million potentielle Opfer am Boden? Zugegeben, das wird alleine mit einem Flugzeug eng, aber nur mal angenommen … Du würdest 1 Mio. Menschen draufgehen lassen weil Du 20 nicht opferst? 20 die ohnehin sterben.

    Anstatt mir die Worte im Mund rumzudrehen hättest Du auch einfach antworten können. Die Fragen bzgl. der Technik einer isolierten Kabine sind unabhängig von der Abschussfrage. Ich halte es einfach nicht für sinnvoll nur eine bessere Türe vor die Kabine zu machen.

    @Freedom: ich auch.

  45. @ Kublai Kahn ,
    es ging in der Geschichte um den Abschuss über unbewohntem Gelände.

  46. @Freedom: Ich habe erstmal nachgesehen, ob Du der gleiche bist, der zuvor den Kommentar mit dem “atomaren Erstschlag” hier abgelassen hat. Erstaunt stelle ich fest: Ja, Du bist es. Nanu? Sinneswandel? Medikamente vergessen?

    @Horst: Für Dich gern ganz deutlich: Ich würde nicht einen unschuldigen Menschen opfern! Nicht einen! Warum? Weil man Verbrechen nicht mit Verbrechen begegnen darf! Wenn es so weit ist, dass dieser Grundsatz nicht mehr gilt, ist unsere Zivilisation am Arsch.

    Und den Mist mit den 20 gegen 1 Million braucht man wohl eh nicht weiter zu kommentieren.

    Im Übrigen habe ich eine fiktive Geschichte erzählt. Möchte wirklich jemand aufstehen und behaupten, dass sowas so nicht passieren könnte? Und wenn es so passierte, wer von Euch möchte dann Jung heißen?

    @Wilhelm: Nicht zu verstehen, was Du da schreibst. Ich glaub Du darfst nicht soviel PI-Boulevard-Hirnzerstörer-Kost lesen.

    —-

    Und könnten wir endlich mal von diesem Szenario mit 40 bis 60 Tausend Menschen Abstand nehmen. DAS ist nämlich WIRKLICH unrealistisch.

    —-

    @Kublai: Erschreckend, dass es wirklich Menschen gibt, die Leben gegen Leben abwägen, oder? Die nennen sich dann auch noch Gutmenschen. Wurgs.

  47. @Freedom: In welcher Geschichte nochmal ging es um den Abschuss über unbewohntem Gelände? In meiner nicht. Jedenfalls. Außerdem gibt es in Deutschland so gut wie kein unbewohntes Gelände. Das hier sind nicht die USA, wo sich Trümmerteile über einen Radius von 12 Kilometern verteilen können und trotzdem keinen treffen.

    @Zen: Du hast mir in Deiner Blogvorstellung “romanartige Passagen” zugeschrieben. Wenigstens einmal wollte ich dem gerecht werden ;-)

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