Bildung vs. Zeit

In den letzten Jahren wurde mit großer Vehemenz versucht, den Eindruck zu erwecken, dass das deutsche Bildungssystem zu langsam wirke. Mehr Tempo in der Abwicklung des Bildungsauftrages wurde allerorten auf das deutlichste angemahnt.

Kinder müssten eher in den Kindergarten. Dieser müsse außerdem von der Sozial- zur Bildungseinrichtung mutieren (mehr kosten darf das indes nicht). Im Kindergarten müsse schon Mathe, Englisch und Atomphysik gelehrt werden. Die Grundschule könnte dann schon fast auf dem Niveau der fünften Klasse starten. Zeit ist Geld. Schneller, schneller, Kids!

Tatsächlich umgesetzt wurde bereits das Abitur nach 12 Jahren. Ein Jahr eingespart. Toll! Im ersten Jahr des 12er Abi wird es zwar massive Probleme geben, weil zwei Abiturjahrgänge gleichzeitig „auf den Markt kommen“, aber da muss man jetzt durch. Auf den Punkt gebracht bedeutet die Verkürzung auf 12 Jahre nichts anderes, als dass die Absolventen halt ein Jahr früher arbeitslos sind. Oder ist das nur ein Unkenruf?

Wirklich erstaunlich in der Betrachtung der Verkürzung des Gymnasiallehrgangs ist, dass es keine Überarbeitung der Lehrpläne gegeben hat. Müsste man nicht Unnützes aus den Curricula streichen, wenn man ein Jahr weniger zur Verfügung hat? Nö, dachten sich die Bildungsprofis aus dem Parlament. Wir machen einfach das gleiche Pensum in weniger Zeit.

So wundert man sich, wenn man sich Stundenpläne der fünften und sechsten Klassen ansieht. Zwei- bis dreimal sieben Stunden in der Woche. Unterricht bis 14 Uhr. In NRW hat die Kultusministerin Barbara Sommer (Miss Fönfrisur) den Schulen mittlerweile freigestellt, auch den Samstag zu Unterrichtszwecken zu nutzen. Der Widerstand formierte sich fast augenblicklich. Dabei ist die Idee, auch am Samstag zu unterrichten nicht mal völlig widersinnig. Sicherlich ist es sinnvoller, am Samstag ab acht Uhr zu unterrichten, als in der Woche noch nach 13 Uhr. Nicht zu vergessen, dass die Hausaufgaben danach auch noch gemacht werden müssen.

Übrigens habe ich seinerzeit auch am Samstag Unterricht gehabt. Sogar in der Grundschule war dieser Tag nicht tabu. Möglicherweise waren wir als Schüler schon damals nicht begeistert, aber das sind sicherlich Erwachsene, die am Samstag arbeiten müssen auch nicht. Es ist halt nicht alles Ponyhof.

Es gibt allerdings einen Grund zur Kritik am Samstagsmodell. Bereits jetzt ist es so, dass beständig Stunden ausfallen. Mein Sohn ist letzte Woche aufs Gymnasium gewechselt. Schon am zweiten Tag rief er mich frühzeitig an und bat um Abholung, weil der Lehrer, der die sechste Stunde geben sollte, krank sei. Seither ist gleiches noch zwei Mal passiert. Da ist es natürlich kein Wunder, dass Eltern auf die Barrikaden gehen. Gebt erst einmal zuverlässig Euren planmäßigen Unterricht, bevor Ihr auch den Samstag ausfallen lasst, äh mit Unterricht belegt!

By the way. Warum wurde eigentlich nur die Gymnasialzeit verkürzt und nicht auch die Laufzeiten von Hauptschule und Realschule? Wenn die Gymnasiasten ab der fünften Klasse hirnjoggen müssen, sollten die anderen Schulformen doch da nicht nachstehen, oder?

[Foto: www.pixelio.de / Birne x.]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.