Die Schülerhasserin

„Die Schülerhasserin“, „Die Abrechnung eines Vaters“, „Verletzte Kinderseelen in der Grundschule“. Ziemlich viele Titel für ein relativ dünnes Büchlein. Voraussichtlich im Dezember wird der Schweitzerhaus-Verlag das 150-Seiten-Büchlein des Autors Klaus Brodersen mit einer Startauflage von 5.000 Exemplaren veröffentlichen. Brodersen liegt thematisch zweifellos im Trend.

Wer kennt nicht das Lehrerhasserbuch von Lotte Kühn aka Gerlinde Unverzagt? Brodersens Titel lehnt sich schon begrifflich an Kühn an und muss sich daher auch an der Vorlage messen lassen. Unter diesem Aspekt würde man Herrn Brodersen allerdings wünschen, er hätte einen anderen Titel gewählt, denn der Wortgewalt, sowie der Breite und Tiefe der Bearbeitung des Themas durch Lotte Kühn hat Herr Brodersen nichts Adäquates entgegen zu setzen.

Worum geht es in Brodersens Story? Familie Brodersen adoptiert einen Jungen im Säuglingsalter. Sie nennen ihn aus Liebe zur Türkei Sinan, obwohl weder er, noch Familie Brodersen türkischer Herkunft sind. Mit Ausnahme einer allerdings recht schweren Erkrankung im Säuglingsalter entwickelt sich Sinan ganz normal, so dass bis zur Seite 20 des Büchleins im Grunde wenig Themenrelevantes passiert.

Der eigentliche Inhalt der Geschichte entspinnt sich mit dem Beginn der Schulzeit Sinans. Noch im Kindergarten als aufgewecktes, lebhaftes, aber durchaus normal entwickeltes Kind wahrgenommen, wandelt sich Sinan in der Schule offenbar drastisch. Dabei nehmen die Eltern die Verhaltensänderungen des eigenen Sohnes zunächst gar nicht wahr.

Erst mit dem durch die Klassenlehrerin initiierten Gespräch wird der Familie Brodersen deutlich gemacht, dass ihr Sohn angeblich stark verhaltensauffällig sei. Er störe massiv den Unterricht und zeige aggressives Verhalten anderen Kindern gegenüber.

Im nachschulischen Bereich können Brodersens jedoch keine Auffälligkeiten im Umgang mit anderen Kindern erkennen. Es wächst der Verdacht, es könne wohl im schulischen Bereich etwas faul sein. Damit hat er zunächst die Lesersympathien auf seiner Seite…

Schnell hat die Familie Brodersen die Klassenlehrerin als Ursache allen Übels ausgemacht. Die Klassenlehrerin, Frau Döselig genannt, ist die Schülerhasserin. Frau Döselig treibt Sinan quasi in den Wahnsinn. Auch andere Kinder soll Frau Döselig schon in den Wahnsinn getrieben haben. Spätestens ab dem Zeitpunkt der sehr eindeutigen und teils am Rande des Erträglichen liegenden Charakterisierungen der Klassenlehrerin verliert die Geschichte alles, was eine gute Erzählung ausmachen würde. In der Sache muss sich Herr Brodersen daher einiges an Kritik gefallen lassen.

Im Verlaufe der Geschichte akzeptieren Brodersens irgendwann den besonderen Förderbedarf (Sonderschule) des eigenen Kindes. Es wird nicht deutlich warum. Ist Sinan vielleicht tatsächlich doch aus sich selbst heraus verhaltensauffällig, wie es ihm mehrere Lehrerinnen bescheinigen? Eine andere Begründung kann es kaum geben, wenn man nicht davon ausgehen soll, dass sich Brodersens komplett wider eigener Überzeugung verhalten wollen.

Immer wieder zitiert Herr Brodersen die Gutachten über seinen Sohn im Wortlaut und wiederholt sich dabei einige Male wörtlich. Im weiteren Verlauf des Buches findet sich plötzlich eine seitenlange Abhandlung über das Medikament Ritalin, mit dem Kinder mit AD(H)S-Syndrom behandelt werden können, ohne dass klar wird, warum an dieser Stelle und warum überhaupt Ritalin thematisiert werden muss. Zudem liest sich die Passage wie aus dem Beipackzettel abgeschrieben. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier eine bestimmte Seitenanzahl erreicht werden sollte, ohne dass die Geschichte voranbringender Content in ausreichender Menge vorhanden war.

Zaghaft, zu zaghaft versuchen Brodersens Unterstützung bei anderen Familien zu erhalten. Die Überlegung ist naheliegend: Was so eine richtige Schülerhasserin ist, die wird wohl auch anderen Kindern das Leben zur Hölle machen. Mit Ausnahme einer einzigen Mutter, die noch dazu quasi unerkannt bleiben will, sich also nicht beteiligt, findet der Autor keine Verifikationsmöglichkeit für seine Behauptungen. Vage berichtet er aus zweiter Hand von Kindern, die aus der Klasse bereits in Richtung Sonderschule verschwunden sein sollen, konkret wird er jedoch auch dabei nicht.

So dümpelt die Erzählung vor sich hin. Bis zum unspektakulären Ende und darüber hinaus klärt sich der Fall im Grunde nicht auf. Hat jetzt Frau Döselig Sinan verhaltensauffällig gemacht? Wer weiß.. Bleibt Sinan auf der Schule? Nein, aber wohin geht er und warum? Ist er nicht doch der aufgeweckte kleine Junge, der er anscheinend bis zur Einschulung war? Möglicherweise, vielleicht aber auch nicht …

Ich tue mich schwer, ein abschließendes Urteil über Brodersens Büchlein zu fällen. Sicher ist, dass es aus seiner Sicht zu unglaublichen und inakzeptablen Vorgängen gekommen ist. Diese Sache ist schlimm für die Familie und hinterlässt sicher Spuren.

Für den Leser indes ist es einfach eine wirre Geschichte mit vielen Behauptungen, aber wenigen Beweisen, vielen Beleidigungen, aber wenig Nachvollziehbarem. Soll man es lesen? Wer auf Tagebücher und deren assoziativen, keinen Handlungssträngen folgenden Erzählverläufen steht, wird möglicherweise seine Freude daran haben. Alle anderen lesen lieber noch einmal das Lehrerhasserbuch von Lotte Kühn.

3 Gedanken zu „Die Schülerhasserin

  1. Dieses, ich zitiere“relativ dünne Büchlein“ , ist die Beschreibung eines Szenarios, dass sich Tag für Tag in vielen Grundschulen abspielt. Ich persönlich könnte aufgrund meiner Unterlagen ein ähnliches Buch schreiben. Auch ich habe fast das Gleiche erlebt und festgestellt, daß es ungemein wichtig ist, keine Angst zu haben, mit der betreffenden Lehrkraft, der Schulleitung und dem Schulamt zu sprechen, zu schreiben und deutlich zu machen, daß das Kind nicht allein dasteht. Und genau das ist es, was die Lehrerschaft bisher davor bewahrt hat, daß in der breiten Öffentlichkeit endlich mal bekannt wird, was besonders in den Grundschulen „so abgeht“.
    Auch bei meinen Enkel wurde das Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs am Ende des 1. Schuljahres eröffnet. Nur der Tatsache, daß unsere ganze Familie wie die Löwen gekämpft hat und eine andere Grundschule bereit war, Pascal aufzunehmen, ist es zu verdanken, daß er nicht in der Schule für verhaltensgestörte Kinder gelandet ist. Also, Herr Brodersen liegt thematisch wirklich im Trend. Leider … Und leider gehen viel zu wenige betroffene Familien in die Öffentlichkeit … Also bitte nicht zu tun, als spränge Herr Brodersen auf einen fahrenden Zug auf, um richtig Kohle zu machen

  2. Hallo Frau Friese.

    Wenn Sie meinen Beitrag verstehend lesen, stellen Sie fest, dass ich gar nicht in Frage stelle, dass hier für die Familie schlimmes passiert ist. An keiner Stelle suggeriere ich, dass Herr Brodersen bloß Kohle machen will. Ich suggeriere auch nicht etwa, dass Herr Brodersen lügt.

    Was ich allerdings sage und dazu stehe ich auch, ist, dass die Geschichte schlecht erzählt ist. Sie ist nicht nachvollziehbar und bietet daher keine Ansätze, sich mit dem Autoren intellektuell zu verbünden. Lediglich jene, die bloß auf Anti-Lehrer-Stichworte warten, werden ihre Freude an dem Buch haben. Das sind aber gleichzeitig jene, die dieses Buch dafür auch nicht brauchen…

    Wenn Sie meine Beiträge zu Bildungsfragen verfolgen, werden Sie feststellen, dass ich nicht eben zimperlich mit der Lehrerschaft umgehe. Ich bin also unverdächtig in meiner Kritik an „Die Schülerhasserin“.

  3. Ja die Lehrer stellen die Kinder oftmals vor schwierige Aufgaben. Da ist nicht jede zarte Kindesseele im Stande, die charakterlichen Ausfälle eines erwachsenen Menschen richtig zu deuten und für den eigenen charakterlichen Aufbau sinnvoll zu verwenden.
    Aber andererseits, wenn so ein Buch am Ende keinen richtigen Schluss hat, macht das Lesen auch nicht unbedingt Spaß.

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