Kevin ist überall

Br_Stacheldraht_0131_1.jpgDas Versagen der Jugend- und Sozialbehörden ist weitaus dramatischer als bislang schon angenommen. Die bekanntgewordenen Fälle der letzten Jahre kennzeichnen nur die Spitze des Eisbergs. Behördliches Wegschauen ist eher die Regel denn die Ausnahme.

Ob dies aus Bequemlichkeit, legerer auch Faulheit genannt, oder aus Selbstüberschätzung, legerer auch Arroganz genannt, gespeist ist, kann ich nicht mit Sicherheit behaupten. Wahrscheinlich ein tödlicher Cocktail aus vielen niederen Zutaten. Ich schildere hier ein eigenes Erlebnis, welches mir, als ich die Diskussion um Kevin verfolgte, wieder vor Augen erschien, als sei es gestern gewesen.

Anfang der Neunziger war ich kurzzeitig im Sozialamt tätig und gehörte nicht zu den Sesselfurzern, die ihre Entscheidungen alle vom warmen Schreibtisch aus treffen. Ich begab mich in vielen Fällen auch zu den Leuten nach Hause, um mir die behaupteten Probleme selbst anzusehen. Ich weiß heute nicht mehr warum ich mit der Sozialarbeiterin aus dem sog. Sozialen Dienst zu dieser Familie, ich nenne sie jetzt mal M., fuhr.
Die Familie M. lebte in einem Mehrfamilienhaus in einer als sozialer Brennpunkt bekannten Gegend. Als wir ankamen, hing die Mutter M. bereits aus dem Fenster. Dabei sah sie ziemlich beunruhigt aus, als sie sah, dass wir uns nähern. Als wir vor der Wohnungstür ankamen und klingelten, wurde von innen gerufen, dass man derzeit nicht öffnen könne. Wir erledigten also erst einen Besuch bei einer anderen Familie im gleichen Hause und kamen etwa 15 Minuten später wieder zu Ms zurück. Wieder dauerte es eine geschlagene Weile, bis geöffnet wurde.

Mutter M war sichtbar angespannt und geleitete uns ins Wohnzimmer, wo Vater M. sichtlich alkoholisiert und Tochter M. (etwa 12 Jahre alt, keinesfalls älter) sichtlich traumatisiert saßen. Ich konnte dem Gespräch nicht mehr folgen, denn die für mich offensichtliche und eindeutige Situation erregte in mir einen schrecklichen Verdacht.

Als ich mit der Kollegin vom Sozialen (!!) Dienst die Wohnung wieder verlassen hatte, sagte ich unumwunden zu ihr, dass ich den Verdacht habe, dass der Vater seine Tochter sexuell missbraucht und die Mutter dabei noch Schmiere steht. Größte Feindseligkeit schlug mir entgegen. Wie ich denn darauf käme, da hätte sie aber gar nichts von gesehen. Sie sei schließlich die ausgebildete Kraft. Wie ich mir überhaupt einbilden könnte, solches beurteilen zu können.

Ich war noch ein wenig erschreckter als zuvor, denn hier wurde mir auf´s Deutlichste klar gemacht, dass das Mädchen von dieser Sozialarbeiterin keine Hilfe bekommen würde. Eigenmächtig habe ich dann das Jugendamt eingeschaltet. Der dortige Sozialarbeiter reagierte bereits ohne Rücksprache mit der Kollegin aus dem Sozialamt exakt wie diese. Er hatte ganz offensichtlich keinen Bock, sich um einen solchen Verdacht zu kümmern. Ob Faulheit, Doofheit, Gleichgültigkeit oder andere niedere Beweggründe dahintersteckten, habe ich nie erfahren.

Ich schaltete wiederum eigenmächtig die Polizei (die allerdings nichts unternahm, außer den zuständigen Sozialarbeiter des Jugendamtes anzurufen), sowie die Schule ein und bekam dafür eine Dienstaufsichtsbeschwerde der beiden Sozialarbeiter reingedrückt. Zum Glück hatte die Schule den Hinweis ernstgenommen und nach einer Weile weiteren eigenen Beobachtens eine Psychologin eingeschaltet. Nach etlichen Sitzungen veranlasste die Psychologin eine amtsärztliche Untersuchung, die zweifelsfrei Auskunft über Art, Umfang und Dauer des mindestens monatelangen Missbrauchs gab.

Es sollte dennoch insgesamt über ein Jahr dauern, bis das gequälte Mädchen endlich aus der Familie befreit werden konnte. Den beiden Sozialarbeitern ist natürlich nichts passiert. Ich habe mich heute aktuell erkundigt und erfahren, dass beide noch am heutigen Tage in den damaligen Positionen über Wohl und Wehe derer wachen, die sich nicht wehren können.

Ich kann kaum das Würgen im Halse niederringen!

(Foto: www.pixelquelle.de / Fotograf: momosu)
Dieser Beitrag erschien zuerst auf politik.germanblogs.de.

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